Nutzpflanzen für alle – vom Feldzug einer uralten Idee

Es begann mit einem primitiven Ansatz aus grauer Vorzeit, der einst kostenlosen Versorgung der Menschen durch Mutter Erde. Seitdem wächst und gedeiht das Projekt von freien Pflanzen zu freien Bürger zwar nicht wild, dafür aber rasant vor sich hin.

Nehmen, was die Natur verschenkt. Eigentlich ein ganz natürlicher Vorgang. Da dieser Vorgang zwar natürlich, aber keineswegs selbstverständlich ist, begannen einige Städte und Gemeinden in Südeuropa in einem gemeinsamen Forschungsprojekt vor einigen Jahren öffentliche Grünflächen für die allgemeine Versorgung mit Nutzpflanzen zu kultivieren und Brunnen zu errichten. Bürger sollten sich so mit Obst, Gemüse und frischem Trinkwasser versorgen können, ohne dafür zu bezahlen, wie Oscar Cordoba, 51-jähriger Stadtplaner und Projektleiter einer kleinen Gemeinde in Südspanien, einem weiteren erstaunten Journalisten das einfachste der Welt zu erklären versucht.

Der Finanzkrise entsprungen

Die Idee entwuchs den Folgen der Finanzkrise. Damals experimentierten einige Partnergemeinden aus Portugal, Spanien, Italien und Griechenland mit einer Menge ehrenamtlich engagierter und Not leidender Bürger, um mehr Autonomie für sich herzustellen. Helfer gab es genug, sagt Cordoba, und da das Projekt bei den Menschen gut ankam, zeigten sich rasch weitere Gemeinden, gemeinnützige Organisationen und auch einige Hochschulen an der Sache interessiert. Zunächst in Marokko und Algerien und später sogar in Lateinamerika, in Indien, Bangladesch oder Pakistan.

Ortswechsel: In Thessaloniki erzählt Konstantinos Nikolaidis, Beauftragter von der dortigen Stadtverwaltung, dass man sich untereinander vernetzt hat, um Erfahrungen und Ideen auszutauschen. Besonders in Griechenland waren viele Menschen vom letzten kapitalistischen Beben betroffen. Nicht wenige landeten auf der Straße. Nikolaidis war von Anfang an dabei und begleitete die ersten Projekte zur Anpflanzung von Obst und Gemüse auf öffentlichen Flächen zur Versorgung der Bürger in der Hauptstadt von Zentralmakedonien. Von hier wurde die Idee dann auch nach Kalkutta exportiert. Die indische Stadt nahe der Grenze zu Bangladesch ist seit 2005 eine Partnerstadt von Thessaloniki.

Von Anarchisten und Schülern

Mit dem Projekt soll aber nicht nur ein Teil der Grundversorgung der Bürger sichergestellt werden, so der 46-jährige Nikolaidis. Die Leute möchten mit der Kultivierung und Renaturierung öffentlicher Plätze durch den Anbau von Lebensmitteln und Heilpflanzen auch eine gesündere Ernährung und ein Bewusstsein für die Natur fördern. Außerdem würde ungenutzter Gemeinschaftsgrund nicht länger brachliegen und für »weniger sinnvolle Projekte, Zierpflanzen, alberne Werbetafeln oder nutzlose Wahlplakate« verschwendet. Nikolaidis ist eigentlich Architekt und mittlerweile zuständig für den griechenlandweiten Feldzug des Projekts. Besonders gut käme die Idee auf einigen griechischen Inseln an, wie er meint. Die Menschen dort wären ohnehin umweltverbundener, Rebellen und um möglichst viel Autonomie bemüht, Inseln der Anarchisten eben.

Die ersten Pflanzen wurden allerdings nicht willkürlich umhergepflanzt. Man hat sich schon im Vorfeld und über die Grenzen hinweg zusammengetan und Richtlinien ausgearbeitet. So wurden von Behörden, Experten und Aktivisten Pläne mit Gewächsen erstellt, die sich bestmöglich an die jeweiligen regionalen Bedingungen und die natürliche Umgebung anpassen. Auch der Einsatz von Gentechnik wurde von Anfang an abgelehnt.

Zurück in Spanien verrät Oscar Cordoba, dass die Pflege und Ernte der Flächen von der öffentlichen Verwaltung in Zusammenarbeit mit Bürgerinitiativen geschieht. Man würde aber auch Schulen in die Projekte einbinden, um den Kindern und Jugendlichen einen Bezug zur Natur und gesunder Ernährung zu vermitteln. »Außerdem haben die Schüler eine Menge Spaß, wenn sie im Freien lernen können«, erzählt der Spanier über die Erfahrungen in seiner Region.

Nur für den Eigenbedarf

Nach Bedarfsplänen werden die Flächen in Bereiche für Nahrungs- und Genussmittel oder für Heilpflanzen unterteilt und entsprechend gekennzeichnet. Die Ernte wird an Ort und Stelle in unterschiedlich großen Behältern gesammelt. Hier kann sich dann jeder für den eigenen Bedarf mit Äpfeln, Kräutern Maiskolben oder sonstigem Obst und Gemüse bedienen oder, wenn vorhanden, seine Kanister und Flaschen mit frischem Quellwasser an einem der Brunnen auffüllen.

Ein gewerbliches Ernten oder übermäßiges Bedienen, erzählt Cordoba weiter, ist aber überall verboten. Und Ernteüberschüsse werden in der Regel an umliegende Gemeinden verteilt, an Gewerbetreibende verkauft oder für sonstige Zwecke verarbeitet. Weggeschmissen wird jedenfalls nichts. Täglich würden sich weitere Gemeinden, Stadtverwaltungen, Medienvertreter oder Organisationen aus allen möglichen Winkeln melden, um sich dem Netzwerk anzuschließen oder mehr darüber zu erfahren.

Cordoba und Nikolaidis bestätigen beide, dass das Interesse immer größer wird. Wenn das so weiter geht, so meint der Spanier trocken, dann verwandeln wir unseren Planeten langsam aber sicher doch noch in ein Paradies.