Nutzpflanzen für alle: über den erfolgreichen Feldzug einer Idee

Es begann mit einem internationalen Projekt zur Rückbesinnung auf die kostenlose Grundversorgung der Menschen durch Mutter Erde. Seitdem wächst und gedeiht der alternative Ansatz rasch vor sich hin.

Nehmen, was die Natur verschenkt. Eigentlich ein ganz natürlicher Vorgang. Da dieser Vorgang zwar natürlich, aber keineswegs selbstverständlich ist, begannen einige Städte und Gemeinden in Südeuropa in einem gemeinsamen Forschungsprojekt vor einigen Jahren öffentliche Grünflächen für die allgemeine Versorgung mit Nutzpflanzen zu kultivieren und Brunnen zu errichten. Bürger sollten sich so mit Obst, Gemüse und frischem Trinkwasser versorgen können, ohne dafür zu bezahlen, wie Oscar Cordoba, Stadtplaner und Projektleiter einer kleinen Gemeinde in Südspanien, erzählt.

Der Finanzkrise entsprungen

Die Idee entstand in Folge der Finanzkrise. Damals experimentierten einige Partnergemeinden aus Portugal, Spanien, Italien und Griechenland mit einer Menge ehrenamtlich engagierter und Not leidender Bürger, um mehr Autonomie für sich herzustellen. Helfer gab es genug, so Cordoba, und da die Idee bei den Menschen gut ankam, zeigten sich rasch weitere Gemeinden, gemeinnützige Organisationen und auch einige Hochschulen an der Sache interessiert. Zunächst in Marokko und Algerien und später sogar in Lateinamerika, in Indien, Bangladesch oder Pakistan, so der studierte Soziologe Cordoba.

»Wir haben uns untereinander vernetzt, um Erfahrungen und Ideen auszutauschen«, erzählt Konstantinos Nikolaidis, Beauftragter von der Stadtverwaltung in Thessaloniki. Besonders in Griechenland waren viele Menschen von den Auswirkungen der Finanzkrise betroffen, nicht wenige landeten auf der Straße, wie er sagt. Auch Nikolaidis war von Anfang an dabei und begleitete die ersten Projekte zur Anpflanzung von Obst und Gemüse auf öffentlichen Flächen zur Versorgung der Bürger in der zentralmakedonischen Hauptstadt. Von hier wurde die Idee dann nach Kalkutta exportiert. Die indische Stadt unweit der Grenze zu Bangladesch ist seit 2005 eine Partnerstadt Thessalonikis.

Sinn und Zweck

Mit dem Projekt soll aber nicht nur ein Teil der Grundversorgung der Bürger sichergestellt werden, so der 46-jährige Nikolaidis. Man möchte mit der Kultivierung und Renaturierung öffentlicher Plätze durch den Anbau von Lebensmitteln und Heilpflanzen auch eine gesündere Ernährung sowie ein Bewusstsein für die Natur fördern. Außerdem würde ungenutzter Gemeinschaftsgrund nicht länger brachliegen und für weniger sinnvolle Projekte oder Zierpflanzen verschwendet. Nikolaidis ist eigentlich studierter Architekt und mittlerweile zuständig für die griechenlandweite Expansion des Projekts. Besonders gut käme die Idee auf den griechischen Inseln an, wie er erzählt. Die Menschen dort wären ohnehin umweltverbundener und um Autonomie bemüht.

Die ersten Pflanzen wurden allerdings nicht planlos umhergepflanzt. Man hat sich schon im Vorfeld des Projekts über die Grenzen hinweg zusammengetan und Richtlinien ausgearbeitet. So wurden von Behörden, Experten und Aktivisten etwa Bedarfspläne erstellt, um sich bestmöglich an die jeweiligen regionalen Bedingungen und die natürliche Umgebung anzupassen. Auch der Einsatz von Gentechnik wurde bei Projekten von Anfang an abgelehnt.

Der Stadtplaner Cordoba erklärt etwa, dass die Pflege und Ernte der Flächen von der öffentlichen Verwaltung in Zusammenarbeit mit Bürgerinitiativen geschieht. Man bindet aber auch Schulen in die Projekte mit ein, um den Kindern einen Bezug zur Natur und gesunder Ernährung zu vermitteln. Außerdem hätten die Schüler eine Menge Spaß, wenn sie im Freien lernen können, erzählt der Spanier über die Erfahrungen in seiner Region.

Nur für den Eigenbedarf

Nach den Bedarfsplänen werden die Flächen, wie etwa in und um Thessaloniki in Bereiche für Nahrungs- und Genussmittel oder für Heilpflanzen unterteilt und entsprechend gekennzeichnet. Die Ernte wird an Ort und Stelle in unterschiedlich großen Behältern gesammelt. Hier kann sich dann jeder für den eigenen Bedarf mit Äpfeln, Kräutern Maiskolben oder sonstigem Obst und Gemüse bedienen oder, wenn vorhanden, seine Kanister mit Wasser an einem der Brunnen auffüllen.

Ein gewerbliches Ernten oder übermäßiges Bedienen, erzählt Nikolaidis, ist aber überall verboten. Und Ernteüberschüsse werden in der Regel an umliegende Gemeinden verteilt, an Gewerbetreibende verkauft oder für sonstige Zwecke verarbeitet. Weggeschmissen wird jedenfalls nichts, so der Grieche. Täglich würden sich weitere Gemeinden, Stadtverwaltungen, Medienvertreter oder Organisationen aus allen möglichen Winkeln melden, um sich dem Netzwerk anzuschließen oder mehr darüber zu erfahren, verrät der gelernte Architekt Nikolaidis.

Und auch Cordoba bestätigt, dass das Interesse immer größer wird. Wenn das so weiter geht, so der Spanier mit einem Schmunzeln, dann verwandeln wir unseren Planeten langsam aber sicher doch noch zum Paradies.

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