Nachrichten: Werbung raus, Hintergründe rein

Nach Protestaktionen und einer bundesweiten Massenpetition werden Börsenberichte aus den Nachrichtensendungen der Öffentlich-Rechtlichen genommen. Stattdessen soll mehr aufgeklärt und mitgesprochen werden.

In einer deutschlandweiten Petition forderten über zwei Millionen Gebührenzahler, dass Werbung, wie die Börsenberichterstattung, künftig »wesentlichen Informationen« in den Nachrichtensendungen der Öffentlich-Rechtlichen weichen soll und bei der Themenauswahl mehr gesellschaftliche Mitsprache und Transparenz einziehen muss. Vor verschiedenen Landesrundfunkanstalten kam es zu Blockaden und Demonstrationen. Die Initiatoren riefen über das Internet auch zum Boykott der Gebührenzahlungen auf, wenn man die Anliegen nicht berücksichtigt.

»Grundsätzlich unterstützen wir den Ansatz öffentlich-rechtlicher Medien. Solange bei den Bürgern aber nur abkassiert wird, ohne im Gegenzug Entscheidungs- oder Kontrollbefugnisse bei der Programmgestaltung und der Posten- oder Budgetverteilung zu haben, und man politisch motiviert gegen die Programmgrundsätze verstößt, tolerieren wir das nicht länger und behalten uns das Recht vor, die von uns bezahlten Redaktionen so lange zu besetzen, zu blockieren und zu boykottieren, bis unsere Forderungen umgesetzt werden. Es ist an der Zeit für mehr Transparenz und Mitsprache in den öffentlichen Medien«, wie es im Petitionstext heißt.

Wie in einer gemeinsamen Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, ARD, des Zweiten Deutschen Fernsehens, ZDF, und von Deutschlandradio nun mitgeteilt wurde, erklärt man sich aufgrund der massiven Protestaktionen bereit, den Forderungen nachzugeben. Mit der Umsetzung wird unter Einbezug der Öffentlichkeit noch in diesem Monat begonnen.

»Ja wenn das da so steht«

Die Initiatoren schreiben auch, dass die regelmäßigen Börsenberichte einem »von der Öffentlichkeit zwangsweise finanzierten, aber keineswegs legitimierten und permanenten Werbeblocks der Finanzindustrie« entsprechen würden und in dieser Form Indoktrination wären. Aufgabe der Nachrichten sei es aber, die wichtigsten täglichen Meldungen auszuwählen. »Die Nachrichtengebung muss allgemein, unabhängig und objektiv sein«, so wie es in den Rundfunkgesetzen und –staatsverträgen steht. Auch dürfen sich Sendungen »nicht gegen die Völkerverständigung und gegen die Wahrung von Frieden und Freiheit richten« und »alle Informationssendungen sind gewissenhaft zu recherchieren und wahrheitsgetreu und sachlich zu halten« wobei die Redakteure zur »Objektivität und Überparteilichkeit verpflichtet« sind, wie es etwa unter §8 im Staatsvertrag des Mitteldeutschrundfunks, MDR, zu den Programmrichtlinien heißt.

»Ich habe da zwar noch nie reingeschaut, aber wenn das da so steht, ja dann steht das da halt nun mal so«, gab etwa Claus Kleber, hoch bezahlter, gut vernetzter und langjähriger ZDF-Moderator mit ernster Mine in der letzten Anmoderation des ZDF-heute-journals zu.

Als Beispiele für die Missachtung der Programmrichtlinien nannten die Initiatoren auch ein deutliches Versagen bei der Aufarbeitung und Erklärung der letzten Finanzkrise sowie eine voreingenommene Berichterstattung zu jüngsten globalen Krisen und Konflikten in den bekanntesten deutschen Nachrichtenformaten. Dabei wurde auch auf zahlreiche Programmbeschwerden der letzten Jahre verwiesen. Ursächlich hierfür wäre besonders die Verflechtung führender Medienvertreter mit diversen Netzwerken.

Verkappte Werbung

Die tägliche Wiedergabe von Börsendaten zählt für den überwiegenden Teil der Bevölkerung nicht zu den wichtigsten Ereignissen. Außerdem werden durch die gezielte Auswahl bestimmter Ereignisse sowie der Unterdrückung anderer Geschehnisse Stimmungen erzeugt, womit letztlich die Interessen kleiner und einflussreicher Gruppen berücksichtigt und gefördert werden, wie die Initiatoren der Petition bemängeln.

Der Schweizer Bankmanager Josef Ackermann, Ex-Chef der Deutschen Bank, meinte etwa, dass man dem Vorwurf, es würde sich um einen Werbeblock handeln, natürlich nicht widersprechen könne. »Natürlich handelt es sich um einen Werbeblock für die Finanzbranche. Ja was soll das denn sonst sein«, so ein grinsender Ackermann während er mit einem Victory-Zeichen vor Reportern posierte.

Nach Angaben des Deutschen Aktieninstituts waren letztes Jahr lediglich 13 Prozent der deutschen Bevölkerung am Aktienmarkt engagiert. Die Zahl der Aktienbesitzer betrug sogar nur um die 6 Prozent. Tendenz abnehmend.

Aufklärung gegen Ablenkung

Konkret wurde gefordert, dass Börsenberichte durch kritisch aufbereitete Informationen, etwa mit Zahlen zu den von Armut, Kriegen und Katastrophen bedrohten Menschen oder dem allgemeinen Zustand der Umwelt, auf lokaler und globaler Ebene sowie der Ursachen dafür genannt und ausreichend thematisiert werden. Die Welt könne man nicht in wenigen Minuten erklären, weshalb man für die Nachrichtensendungen auch mehr Zeit einzuplanen hätte.

»Anstatt Lottozahlen wiederzugeben, Belanglosigkeiten zu verbreiten oder irgendwelche Sport- und Unterhaltungsveranstaltungen zum Zweck der Ablenkung zu dramatisieren und künstlich zu überhöhen«, wäre in den Nachrichten vielmehr auf »Hintergründe, Zusammenhänge und Widersprüche über Ereignisse von tatsächlicher Bedeutung für die Gesellschaft einzugehen«. Dafür wäre auch der Rundfunkstaatsvertrag entsprechend zu ändern. »Wer etwa die FIFA mit ihren Fußallshowveranstaltungen und überbezahlten Jungkickern unterstützen möchte«, könne das ja im Bezahlfernsehen tun.

Die Reform bei den Öffentlich-Rechtlichen sorgt aber auch auf Unverständnis. »Ich sehe es grundsätzlich nicht ein, auf mir versprochenes Geld zu verzichten«, wähnt Ex-Torwart Oliver Kahn in einer ersten Reaktion seine hoch dotierten Tagesgagen als Fußballexperte bei den Öffentlich-Rechtlichen in Gefahr. Außerdem, so Kahn, würde »einem ja auch langweilig, wenn man auf jedem Golfplatz und an jedem Strand gewesen ist«, darauf hätte er »keinen Bock mehr«. Und da er nach seiner aktiven Karriere unbedingt vor eine Kamera wollte und die Rolle der Lottofee seine letzte Option gewesen wäre, lag es eben nahe für ein Honorar »über Fußball zu plaudern.«

Mehr Mitsprache

Aber auch die Themenwahl der Nachrichten wird künftig nicht mehr nur einer Handvoll von Personen unterliegen, sondern unter Einbezug des Publikums entschieden und kontrolliert. Hierzu wird eine regelmäßig rotierende Publikumskonferenz festgelegt und strukturell, etwa in die Programmplanung, integriert sowie mit entsprechenden Befugnissen ausgestattet. Die Möglichkeiten des Internets werden für mehr Transparenz und kurzfristige Mitsprache der Bürger bei der Gestaltung und Auswahl von Programminhalten ebenso beitragen. So wird zum Beispiel eine Art Forum zum Einbringen und Abstimmen von Themen und Ereignissen eingerichtet.

Die Initiative erlangte besonders über soziale Netzwerke mittlerweile eine beachtliche internationale Aufmerksamkeit. In einigen Ländern, etwa in Frankreich oder Großbritannien wurden ähnliche Aktionen und Forderungen für mehr Unabhängigkeit und Objektivität in den Nachrichtensendungen öffentlicher Medien bereits auf den Weg gebracht.

Die Börsenberichterstatter der Öffentlich-Rechtlichen, aber auch Kahn und seine »Talk-Kollegen« dürften sich nach der Reform allerdings um neue Tätigkeitsfelder umsehen müssen, da die Gebührenzahler künftig auch bei der Budgetverteilung ein Mitspracherecht haben und bisherigen Gagen und Werbeblöcken wohl nicht mehr zustimmen. Und auch Franz Beckenbauer, TV-Dauergast in Sachen Fußball, gestand ein: »Ich mache ja nur deshalb Fußball, weil ich nichts anderes kann. Wenn ich zum Beispiel einen Schopenhauer lese – ich verstehe ihn nicht.«