Nach dem Sturz der Saud: Arabien wird zur Republik

Sie revoltierten, gewannen, feierten und riefen die Arabische Republik aus: die Demonstranten der arabischen Revolution. Den alten Machthabern droht die Haft.

Sand wirbelt durch die Straßen von Riad, der Stadt des revolutionären Triumphs. Hierhin trugen zu Beginn der Demonstrationen unterdrückte Schiiten, Atheisten, aufgeklärte Sunniten oder ausgebeutete und entrechtete Gastarbeiter aus dem ganzen Land ihren Protest. Und nun beseitigen Hunderte Männer und Frauen die Spuren der arabischen Revolution, wie wenige Tage zuvor schon in Dubai oder Kuweit-Stadt.

Der Clan der Saud ist gestürzt und die Massenproteste von Riad sorgten dafür, dass auch die Herrscher der umliegenden Monarchien gleich mit vom Thron gefegt wurden. Wie eine riesige Welle schwappte die Bewegung rasch auf die Nachbarstaaten über und erinnerte an die Revolutionen in Nordafrika, etwa dem Sturz von Husni Mubarak in Ägypten.

Jubel nach dem Sieg

Letzte Woche gab dann auch der saudische König und Premierministern Salman ibn Abd al-Aziz, der Staatsoberhaupt und zugleich auch Regierungschef war, als noch einzig verbliebener autokratischer Herrscher der arabischen Halbinsel seinen Rücktritt bekannt. Für eine Flucht ins Ausland war es da schon zu spät. Kurz zuvor verkündete er, noch bis zu den ersten freien Wahlen im Amt bleiben zu wollen, womit er die Demonstranten, unter denen in den letzten Tagen der Revolution auch immer mehr Frauen zu finden waren, zusätzlich erboste. Daraufhin gipfelten die Proteste mit rund einer Million Teilnehmer in einer eindrucksvollen Kundgebung. Als dann mitgeteilt wurde, dass Salman zurückgetreten sei und die Macht bis zu den Wahlen an eine Übergangsregierung, bestehend aus Vertretern der Oppositionsgruppen, übergeben wurde, brach Jubel aus. Nun war der Sieg auch in Riad perfekt, die Tyrannei überwunden und der Weg für demokratische Abstimmungen frei.

Die ganze Nacht kam es zu hupenden Autokorsos, Menschen tanzten, schwenkten bunte Fahnen und viele Frauen nahmen ihre Kopfbedeckungen ab. Die Sittenpolizei, eines der ersten Ziele der Protestierenden, war wie vom Erdboden verschwunden.

Das immer gleiche Spiel um Machterhalt

»Wir wollen ein freies und demokratisches Arabien«, sagte eine junge Demonstrantin am Tag danach. Ein anderer meinte, dass die gleichen Rechte für alle, ob Schiiten, Sunniten, Aleviten, Christen, Juden oder Atheisten gelten müssten, während er einige Autoreifen beiseite schleppt. Die Menschen hier sind kein Mob, so wie es die saudischen Herrscher und ihre Handlanger immer wieder vermitteln wollten. Die Schergen der Machthaber und ihre ausländischen Unterstützer waren es, die Demonstrationen stürmten und die Revolution, wie etwa auch in Bahrain, gewaltsam verhindern wollten.

Vereinzelt stehen noch Einsatzfahrzeuge der Polizei und Armee am Straßenrand, während Soldaten mit Revolutionären den historischen Moment mit Fotos festhalten oder übermüdet herumstehen, um das Geschehen zu beobachten. Andere machen sich in den eroberten Palästen der mittlerweile in Gewahrsam genommenen Autokraten, ihnen drohen Prozesse und langjährige Haftstrafen, breit. »Das alles gehört jetzt dem Volk, den Menschen hier«, ruft ein jubelnder Araber im Vorbeigehen an einem der dekadenten Prunk- und Protzbauten der bis vor Kurzem noch in Öl schwimmenden Clanmitglieder. Vor dem Anwesen steht das Wrack eines ausgebrannten, ehemals goldfarbenen Ferraris unter einer Dattelpalme.

Arabischer Aufbruch

Man spürt hier, wie auf der ganzen arabischen Halbinsel in diesen Tagen, die Freude vieler Menschen, sich endlich von der Diktatur der Monarchisten befreit zu haben. Man bejubelt die Meinungsfreiheit und freut sich auf Mitbestimmung und mehr soziale Gerechtigkeit. Während die Polizei keine Kontrolle mehr über Zugänge hat, stellen Aktivisten und Oppositionelle noch immer Leute ab, um für Ordnung und Sicherheit in den Straßen und auf den Plätzen zu sorgen.

Wie es in den kommenden Tagen weitergeht, ist für einige noch nicht ganz klar, aber »Hauptsache der Clan der Saud ist weg«, wie ein älterer Herr sagt. »Wir vertrauen jetzt darauf, dass die Oppositionsführer und die Armee, die sich ja mit den Menschen solidarisierte, bis zu den Wahlen verantwortungsvoll handeln«. Viele auf den Straßen verlangen aber auch, dass es künftig keine ausländische Einmischung gibt und die US-Militärs nicht nur in ihren Stützpunkten bleiben, sondern aus dem Land verschwinden.

Für die meisten Menschen, nicht nur hier in Riad, auch in Dubai, Doha oder Manama beginnt nun eine neue Zeit: die Zeit der arabischen Republiken.

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