Grüne Fertigstädte statt dreckiger Slums

Vor den Toren Madrids wurde eine erste autonome Fertigstadt an Bewohner des Elendsviertels Cañada Real übergeben. Das Projekt findet im Rahmen eines Programms zur Auflösung von Slums statt.

Felipe Borbón Grecia kann sein Glück zwar noch immer nicht glauben, anfassen kann er es aber. »Hier dürfen wir wohnen?«, fragt er seine Frau Letizia, noch bevor die beiden das kleine Modulhaus betreten. Das Paar gehört zu den Ersten, die ihren Bretterverschlag aus einem der sechs Sektoren des mit rund 20.000 Einwohnern größten europäischen Slums nahe der spanischen Hauptstadt gegen ein autonomes Fertighaus mit rund 50 Quadratmetern – bestehend aus einer Wohnküche mit kleinem Vorraum, einem Bad und einem Schlafzimmer – eintauschen durften.

»Die tödlichste Form der Gewalt ist Armut« (Mahatma Ghandi)

Die in verschiedenen Farben und mit unterschiedlichen Materialien geschalten Modulhäuschen der ökologischen Kleinstadt vom Reißbrett wurden erstellt, um den Schandfleck, wie die Regierung den Slum Cañada Real nannte, loszuwerden. Es handelt sich aber um kein regionales Vorhaben; nachdem das weltweite Rüstungsbudget in den letzten Jahren stark zurückging, einigte sich die Weltgemeinschaft darauf, die frei gewordenen Mittel zur gezielten Bekämpfung von Armut einzusetzen. Dabei nahm man sich die Beseitigung der elendigsten Slums des Planeten vor. Diese sollen in Zukunft durch ökologische, sich selbstversorgende Fertigstädte oder Stadtteile, je nachdem, ersetzt werden. Und in Cañada Real rollen sich die Planierraupen jetzt schon mal warm.

Felipe, ein Anhänger des Arbeiterklubs Atlético Madrid, steht vor dem Kasten für die Haustechnik und zweifelt, dass sich das Modulhäuschen vollständig selbst mit Strom versorgt und sogar der Abfall zur Energiegewinnung genutzt wird. »Die haben uns erzählt, dass wir im besten Fall sogar etwas Energie übrig haben und für festgelegte Preise abgeben können«, sagt er. Seine Frau steigt lieber über eine kleine Treppe auf das Dach des sogenannten Aktivhauses und überlässt die Technik ihrem Mann. Dort sind Brennstoffzellen und Solarkollektoren für die Fotovoltaikanlage und ein kleiner Garten mit ein paar Pflanzen angebracht.

Ein Aktivhaus erzeugt mehr Energie, als es benötigt (verwendet werden zum Beispiel nur LED-Lampen). Das geschieht, in dem die Aktivität des Hauses in der Lage ist, »auf Einflüsse zu reagieren, die den Energiehaushalt oder das Wohlbefinden der Bewohner betreffen«, wie Architekt und Ingenieur Werner Sobek das Energiemanagementsystem erklärt. So lassen sich auf Dauer enorme Energieeinsparungen realisieren. Die Energie wird dabei ausschließlich aus erneuerbaren Quellen bezogen. Aber auch die Materialien für die Häuser der nach dem Nachhaltigkeitsprinzip geplanten Städte – die Planung erfolgt, so Sobek, trotzdem möglichst individuell – ist komplett recycelbar. Da die meisten Teile der mobilen Modulhäuschen vorgefertigt werden, kann man nach der Lieferung schon einen Tag später relativ unkompliziert einziehen, so der Architekt.

»Leitidee sollte stets sein, dass der soziale Sinn der Wirtschaft in der weitestmöglichen ursächlichen Beseitigung der Existenznöte aller Menschen besteht, …«

Den Bewohnern von Cañada Real wird ihr neues Zuhause – man vergibt rund 25 Quadratmetern Wohnfläche an einen Erwachsenen, pro Kind kommen in etwa zehn dazu – gegen geringe Gebühren übergeben. Die Gebühr orientiert sich am Einkommen der ehemaligen Slumbewohner, darf einen bestimmten Höchstsatz aber nicht überschreiten. Wer, wie viele aus Cañada Real aber über kein regelmäßiges Einkommen verfügt, muss den Haushalt lediglich so organisieren, dass ausreichend überschüssiger Strom kostenlos an die Gemeinde übergeben werden kann, wie ein mit der Betreuung der Fertigstadt beauftragter Beamter verrät. So können etwa an zentralen Ladestationen Autos, öffentliche Verkehrsmittel, Laternen in der Straße und was eben so anfällt, mit Storm versorgt werden. Für die Fortbewegung würde jedes Modul auch über ein Fahrrad mit alternativem Antrieb und entsprechender Ladestation verfügen, verrät der Herr von der Stadt noch. Außerdem könnten die Bewohner ihr transportfähiges Modulhaus, die Häuschen sind nicht in der Erde verbaut, auch auf Raten erwerben oder auf eigene Kosten erweitern. Und wer weiß, vielleicht steht ja Mal ein Umzug in den eigenen vier Wänden an.

Felipe träumt aber eher vom Kauf und Anbau eines zweiten Moduls. »Vielleicht noch eins auf Dach«, meint er und »wo unsere Zukunft jetzt doch gleich viel besser aussieht, können wir uns endlich wieder über die Gründung einer Familie Gedanken machen«, verrät Frau Letizia, nachdem sie auf dem Dach beschlossen hat, auf jeden Fall ein paar Tomaten anzupflanzen.

In der smarten Kleinstadt wurden aber auch intelligente Stromzähler, neue Stromkabel, neue Software und verschiedenste Sensoren verbaut. In den Straßen lässt sich sogar der Wind mit Segeln fangen und durch die Stadt leiten, um etwa im Sommer die Temperaturen angenehm zu halten.

»… während die bloße fortschreitende Modernisierung der Armut als Ausdruck seiner fortwährenden Verfehlung zu deuten ist.« (Peter Ulrich)

Nach dem Ende von Cañada Real soll es nun in einem noch größeren Projekt dem Slum Kibera in Kenias Hauptstadt Nairobi, dem mit geschätzt rund 500.000 Menschen größten in ganz Afrika, an den Kragen gehen. Dort wurde bereits der angrenzende und äußerst luxuriöse Golfplatz für die Errichtung des neuen Kibera plattgemacht. Nur das Klubhaus möchte man dort stehen lassen, um dann in einem Museum an das alte Kibera, den Slum, zu erinnern. Und auch das größte Elendsquartier der Welt, Dharavi in der Metropole Mumbai, steht bereits auf der Abschussliste des Heeres aus wohlgesonnenen Planierraupen.

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