Gestern war Tag der Stiere

Die »Corrida de Toros« wurde irgendwann zu Beginn des 18. Jahrhunderts erfunden. Rund dreihundert Jahre später ist die Tierquälerei Geschichte.

Bei einem nachgestellten Stierkampf in der voll besetzten »Plaza de las Vestas« in Madrid, der größten Stierkampfarena Europas, siegte gestern der Stier gegen den Stierkämpfer. Stellvertretend für seine Artgenossen wurde das Tier anschließend unter großem Beifall und wohl behalten aus der Arena in die Freiheit entlassen. Kurz darauf erloschen die Lichter im Stadion. Mit der Veranstaltung feierten die Madrilenen das weltweite Verbot des blutigen Schauspiels.

Das spanische Staatsoberhaupt, der Monarchist Felipe mit der Nummer »VI.«, war ebenfalls zu Gast, zeigte sich aber enttäuscht. »Ich dachte, hier spielt heute Atlético gegen Real. Als ich dann diesen schwarzen Stier aus Pappe gesehen habe, da war mir sofort klar, dass das nicht der Schiedsrichter sein kann. Ich habe dann gleich eine VIP-Lounge gesucht um mir Hummern zu bestellen, aber nicht mal das gab es«, so Felipe, der erst im Nachhinein erfuhr, um was es an diesem Abend ging.

Im zweiten Anlauf

Erst wenige Tage zuvor wurde ein gemeinsamer Antrag linker, progressiver und liberaler Parteien, Stier- und Tierkämpfe in den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, EU, gesetzlich verbieten zu lassen angenommen. Bereits im Jahr 2007 hatten Parlamentarier, damals gab es noch keine Mehrheit in der EU, vergeblich ein Verbot von Stierkämpfen gefordert. Widerstand kam bis zuletzt überwiegend aus dem konservativen Lager. Auch die Union Südamerikanischer Staaten, UNASUR, stimmte einem eingereichten Gesetzesentwurf zum Verbot von Stierkämpfen zu.

»Ich bin ja eigentlich schon von Haus aus gegen die Kriminalisierung dieser kunstvollen Art des Stiersports, also spätestens seit meiner Besteigung, hätte ich das gewusst«, kritisierte Felipe die Veranstaltung, nachdem die Lichter in der Arena längst aus waren.

In Teilen Spaniens, wie in Katalonien – hier setzten sich rund 180.000 Menschen mittels Petition durch – oder seit 1991 auf den Kanarischen Inseln sowie auf den Balearen verbot man den Stierkampf wegen seiner Grausamkeit bereits schon Jahre vor der EU-Abstimmung. Manche Länder, wie Portugal oder Frankreich, untersagten die Tierquälerei ebenfalls per Gesetz. Trotzdem wurden die tödlichen Stierkämpfe dort auf Druck der Lobby, etwa der »Union des Villes Taurines Françaises«, einem Zusammenschluss mehrerer südfranzösischer Städte, weiter zugelassen.

Zur bloßen Volksbelustigung

Alleine in Spanien wurden zur traditionellen Volksbelustigung der einfachen Leute jedes Jahr über 10.000 Stiere zu Tode gequält und Tausende bei Hatzen, wie in Pamplona, zur Belustigung durch die Gassen getrieben. In der beliebten Sendung »Frauentausch« beschwerte sich Letizia, die Ehefrau von Felipe, heute unter Tränen, dass man ihren Mann unter dem Vorwand, das Stadtderby zu besuchen, »kaltblütig auf eine falsche Veranstaltung« gelockt, »also eigentlich entführt« hätte.

Gegner der Stierkämpfe und -jagden argumentierten seit Jahren, dass die Tiere schon vor dem Kampf geschlagen und verletzt, ihnen Vaseline in die Augen geschmiert und die Hörner abgesägt wurden, um sie zu schwächen. Die »Picadores« auf den Pferden jagten ihnen in der Arena dann Lanzen in den Nacken, damit sie ihren Kopf nicht mehr heben konnten. Überlebte das Tier einen Kampf, wurde es meist bei Bewusstsein aus der Arena gezerrt und ihm anschließend die Kehle durchgeschnitten. In Mexiko gab es Kämpfe mit Babystieren, die in kleinen Arenen von Zuschauern zu Tode gestochen wurden. Bei einer »Novillada« traten junge Toreros gegen Jungstiere an. Auch Pferde und Menschen kamen bei den Kämpfen immer wieder zu schaden.

Unterstützer der »Corridas« bestreiten, dass Stierkämpfe Tierquälerei wären. Schließlich würden die Tiere ja artgerecht gehalten und diese doch äußerst kunstvolle Art des Tötens – Schulen trugen die Bezeichnung »Stierkampfkunst« – hätte den Fortbestand von Kampfstieren gesichert und würden weltweit ihres gleichen suchen. Außerdem wären unnötige Verletzungen der Tiere mit Pfiffen der Zuseher quittiert worden und die Schmerzen der Bullen im Kampf durch die Ausschüttung von Endorphinen gar nicht so hoch.

Mehrheit gegen die Tierquälerei

In Spanien war schon seit längerer Zeit eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung gegen die traditionelle Tierquälerei. Trotzdem wurde der Stierkampf mit Steuergeldern – genau so wie die monarchistische Familie rund um und unter Felipe und Letizia – fürstlich subventioniert und künstlich am Leben gehalten. Auch sank die Zahl der »Corridas« in den letzten Jahren wegen mangelnden Interesses regelmäßig, in Spanien sogar um bis zu zwei Drittel, weshalb Stierkämpfe in den letzten Jahren vermehrt zur Unterhaltung von Urlaubern veranstaltet wurden. Traditionalisten beschwerten sich sogar, dass Touristen »mit einem unverschämten Preis- und Leistungsverhältnis regelrecht ausgenommen« würden.

In Anlehnung an den Spruch: »Solange Menschen denken, dass Tiere nicht fühlen, müssen Tiere fühlen, dass Menschen nicht denken«, beschwerte sich Felipe noch gestern Abend im Radio: »Solange Tierfreunde denken, dass Privilegierte nicht fühlen, müssen Privilegierte fühlen, dass Tierfreunde nicht denken, oder so ähnlich.« In den ehemaligen Stierkampfarenen gehen die Lichter jedenfalls nicht dauerhaft aus, die meisten sollen nun ausschließlich für gewaltfreie Kulturveranstaltungen genutzt werden.