Gestern war Tag der Stiere

Die »Corrida de Toros« wurde irgendwann zu Beginn des 18. Jahrhunderts erfunden. Rund dreihundert Jahre später ist die Tierquälerei Geschichte.

Bei einem nachgestellten Stierkampf in der voll besetzten »Plaza de las Vestas« in Madrid, der größten Stierkampfarena Europas, siegte gestern der Stier gegen den Stierkämpfer. Stellvertretend für seine Artgenossen wurde das Tier anschließend unter frenetischem Beifall zahlreicher Tierschützer wohl behalten aus der Arena und später auf die Weide entlassen. Kurz darauf erloschen die Lichter im Stadion. Mit der Veranstaltung feierten die Madrilenen das weltweite Verbot des blutigen Schauspiels.

Im zweiten Anlauf

Ein Antrag linker, progressiver und liberaler Parteien, Stier- und Tierkämpfe in den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (EU) gesetzlich zu verbieten, wurde im EU-Parlament wenige Tage zuvor mit knapper Mehrheit angenommen. Bereits im Jahr 2007 hatten EU-Parlamentarier, damals gab es noch keine Mehrheit, vergeblich ein Verbot von Stierkämpfen gefordert. Widerstand kam hauptsächlich aus dem konservativen Lager. Auch die Union Südamerikanischer Staaten (UNASUR) stimmte einem parallel eingereichten Gesetzesentwurf zum Verbot von Stierkämpfen zu.

In Teilen Spaniens, wie in Katalonien – hier setzten sich rund 180.000 Menschen mittels Petition durch – oder seit 1991 auch auf den Kanarischen Inseln sowie auf den Balearen verbot man den Stierkampf wegen seiner Grausamkeit bereits schon Jahre vor der EU-Abstimmung.

Manche Länder, wie Portugal oder Frankreich, untersagten die Tierquälerei ebenfalls per Gesetz. Trotzdem wurden die tödlichen Stierkämpfe dort auf Druck der Lobby, etwa der »Union des Villes Taurines Françaises«, einem Zusammenschluss mehrerer südfranzösischer Städte, zugelassen.

Zur bloßen Volksbelustigung

Alleine in Spanien wurden zur traditionellen Volksbelustigung jedes Jahr über 10.000 Stiere zu Tode gequält und Tausende bei Hatzen, wie in Pamplona, durch die Gassen getrieben und geopfert.

Gegner der Stierkämpfe und -jagden argumentierten seit Jahren, dass die Tiere schon vor dem Kampf geschlagen und verletzt, ihnen Vaseline in die Augen geschmiert und die Hörner abgesägt wurden, um sie zu schwächen. Die »Picadores« auf den Pferden jagten ihnen in der Arena dann Lanzen in den Nacken, damit sie ihren Kopf nicht mehr heben konnten. Überlebte das Tier einen Kampf, wurde es meist bei Bewusstsein aus der Arena gezerrt und ihm anschließend die Kehle durchgeschnitten. In Mexiko gab es Kämpfe mit Babystieren, die in kleinen Arenen von Zuschauern zu Tode gestochen wurden. Bei einer »Novillada« traten junge Toreros gegen Jungstiere an. Auch Pferde und Menschen kamen bei den Kämpfen immer wieder zu schaden.

Unterstützer der »Corridas« bestreiten, dass Stierkämpfe Tierquälerei wären. Schließlich würden die Tiere artgerecht gehalten und diese kunstvolle Art des Tötens – Schulen trugen die Bezeichnung »Stierkampfkunst« – hätte den Fortbestand von Kampfstieren gesichert. Außerdem wären unnötige Verletzungen der Tiere mit Pfiffen der Zuseher quittiert worden und die Schmerzen der Bullen im Kampf durch die Ausschüttung von Endorphinen gar nicht so hoch.

Mehrheit gegen die Tierquälerei

In Spanien war schon seit längerer Zeit eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung gegen die traditionelle Tierquälerei. Trotzdem wurde der Stierkampf mit Steuergeldern mancherorts von konservativen Parteien und Politikern subventioniert und damit künstlich am Leben gehalten. Auch sank die Zahl der »Corridas« in den letzten Jahren wegen mangelnden Interesses regelmäßig, in Spanien sogar um bis zu zwei Drittel, weshalb Stierkämpfe in den letzten Jahren vermehrt zur Unterhaltung von Urlaubern veranstaltet wurden. Traditionalisten beschwerten sich sogar, dass Touristen »mit einem unverschämten Preis- und Leistungsverhältnis regelrecht ausgenommen« würden.

Aber wie heißt es doch: »Solange Menschen denken, dass Tiere nicht fühlen, müssen Tiere fühlen, dass Menschen nicht denken.« In den ehemaligen Stierkampfarenen gehen die Lichter jedenfalls nicht dauerhaft aus, die meisten sollen nun ausschließlich für gewaltfreie Kulturveranstaltungen genutzt werden.

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