Friedensnobelpreis geht dieses Jahr an Wikileaks

Sensation in Oslo: Wikileaks erhält den Friedensnobelpreis. Die Enthüllungsplattform wurde für ihren »Mut zur Aufklärung staatlicher Kriegsverbrechen« ausgezeichnet.

Den diesjährigen Friedensnobelpreis erhält die investigative Enthüllungsplattform Wikileaks. Das teilte das norwegische Nobelpreiskomitee am Freitag in Oslo mit. Wikileaks habe ein »völlig neues internationales Klima« geschaffen und den internationalen Journalismus gestärkt. Besonderes Gewicht sei bei der Entscheidung auch auf das Engagement des Mitgründers und Journalisten Julian Assange gelegt worden.

Für die Wahrheit …

Der norwegische Komiteechef Thorbjörn Jagland sagte: »Alles, was er über die Jahre bei Wikileaks angepackt hat und wie sich das internationale Klima durch sein Mitwirken als Chefredakteur verändert hat, ist schon mehr als Grund, ihm den Friedensnobelpreis zu verleihen.« Trotz der Anfeindungen gegenüber Wikileaks und der Person von Assange seien Whistleblower und investigativer Journalismus mit einer Betonung auf die Einhaltung und Achtung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte stärker in den Mittelpunkt staatlichen Handelns gerückt worden. Selbst bei den schwierigsten internationalen Kriegen und Konflikten sei die Achtung der Menschenrechte von staatlichen Akteuren nun gewährleistet. Auch beim Schutz von Whistleblowern hätten Regierungen weltweit eine konstruktive Rolle eingenommen.

»Nur selten hat eine Plattform in gleichem Ausmaß wie Wikileaks die Aufmerksamkeit der Welt gefangen genommen und den Opfern von staatlichen Kriegsverbrechen, aber auch den Informanten Hoffnung auf eine bessere Zukunft gegeben«, sagte Jagland in der Begründung weiter. »Ihre Arbeit gründet auf der Vorstellung, dass diejenigen, die die Welt führen sollen, dies auf der Grundlage von Werten und Einstellungen tun müssen, die von der Mehrheit der Weltbevölkerung geteilt werden.« Dies seien genau die Positionen, für die das Nobelkomitee seit über 110 Jahren werbe. Man habe schon immer versucht, noch nicht abgeschlossene Entwicklungen für die Achtung der universellen Menschenrechte zu stimulieren und zu fördern. Das sei auch bei Auszeichnungen für Bundeskanzler Willy Brandt und an den sowjetischen Parteichef Michail Gorbatschow der Fall gewesen.

… auch gegen Staaten

Weltweit gab es begeisterte Reaktionen, aber auch etwas Skepsis und Kritik. Wikileaks und Assange hatten sich die Aufklärung von staatlichen Kriegsverbrechen, Spionage oder Korruption durch die Veröffentlichung zensierter Daten gekümmert. Die Enthüllungsplattform präsentierte sich als ein Hoffnungsträger für eine friedlichere Welt, brach mit Kampagnen-Journalismus und Propaganda von Staats- und Konzernmedien und setzte Zeichen der Aufklärung sowie des informellen Ausgleichs.

Zu den bedeutendsten Veröffentlichungen von Wikileaks zählten im Jahr 2010 »Collateral Murder«, »War Diaries«, »Public Library of US-Diplomacy«, im Jahr 2011 »The Guantanamo Files«, im Jahr 2016 »Hillary Clinton Email Archive – DNC Emails« oder im Jahr 2017 »Vault 7 / CIA Hacker-Tools«.

Die im Jahr 2006 gegründete Plattform wurde mit »Collateral Murder« oder Luftangriffe auf Bagdad bekannt. Wikileaks veröffentlichte Bordvideos mit Bild und Ton von US-Kampfhubschraubern während ihres Angriffs auf eine Gruppe von rund zehn Männern in Bagdad am 12. Juli 2007. Der mehrfache Beschuss mit Bordkanonen und Raketen forderte mehrere Tote und Verletzte, unter anderem auch zwei Kinder. In der Gruppe waren zwei Kriegsberichterstatter, die beide bei den Angriffen getötet wurden.

»Ich liebe diese Leute«

Im Westen, besonders aber in den USA ist Wikileaks und die Person Assange umstritten, da man über die Veröffentlichung von US-Kriegsverbrechen wenig erfreut war und einige Personen öffentlich und bis vor Kurzem sogar noch straffrei den Tod von Assange fordern konnten. Der dieses Jahr ebenfalls für den Friedensnobelpreis nominierte US-Präsident Donald Trump, der erst spät von Wikileaks erfuhr, meinte etwa: »Die machen einen großartigen, einen wirklich verdammt großartigen Job. Wikileaks, und das hat man mir im Vertrauen gesagt, hat mir sogar schon persönlich geholfen. Ich liebe diese Leute.« Nachdem der Friedensnobelpreis dieses Jahr aber an Wikileaks ging, kündigte Trump an, sich nie wieder für diese Veranstaltung nominieren lassen zu wollen.

Der Friedensnobelpreis gilt als die bedeutendste internationale Auszeichnung im Bemühen um eine friedlichere und gerechtere Welt. Gründer des Preises ist der schwedische Erfinder des Dynamites, Alfred Nobel (1833-1896). Seit der Verleihung des Friedensnobelpreises an den ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama im Jahr 2009, wird der Preis in Anspielung auf die zahlreichen Drohnenmorde unter Obama von Kritikern auch als »Verleihung von außergerichtlicher Sprengkraft« verspottet. Obama gab seinen Friedensnobelpreis später zurück. »Der Preis fühlt sich in meinen Händen einfach falsch an«, so Obama damals, denn »die Whistleblowerin Chelsea Manning hat ihn vielmehr verdient.« Manning erhielt den Friedensnobelpreis wenige Jahre später.

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