Fleisch und Leder ohne Blut und Tod

Ein Durchbruch in der Biotechnologie beendet massenhaftes Tierleiden und ermöglicht die serienmäßige Reproduktion von tierischen Erzeugnissen.

Rosa Luxemburg beschrieb einst, wie Tiere beim Abladen still und erschöpft standen. Und ein Tier, »welches blutete, schaute dabei vor sich hin mit einem Ausdruck in dem schwarzen Gesicht und den sanften schwarzen Augen wie ein verweintes Kind. Es war direkt der Ausdruck eines Kindes, das hart bestraft worden ist und nicht weiß wofür, und auch nicht weiß wie es der Qual und der rohen Gewalt entgehen soll.«

Szenen wie diese gehören schon bald der Vergangenheit an. Forschern ist nun die künstliche Aufzucht von Fleisch in Serie gelungen. Der technische Durchbruch war dringend nötig.

Natürliche Grenzen des grenzenlosen Wachstums

Die weltweite Nachfrage für vegetarische und vegane Lebensmittel oder nach Kunstlederprodukten hat in den letzten Jahren zwar stark zugenommen. Das belegen zahlreiche Studien und Umfragen. Doch mag dabei manch einer vom Fleischessen wohl weniger Abstand genommen haben, weil es sich um die »Überbleibsel der größten Rohheit« handelt, wie Leo Tolstoi einst meinte, oder weil man von der Vorstellung geplagt wird, ein Tier könne im Jüngsten Gericht sitzen.

Womöglich waren es auch gesundheitliche Bedenken, da die schnelle Aufzucht der Tiere mit Hormonen und Antibiotika Schäden für die Gesundheit und zu viel Fleisch gar Krebs verursachen kann. Den Wenigsten dürfte dabei allerdings das große Ganze in den Sinn gekommen sein.

Ein gesamtgesellschaftliches Problem stellen besonders die natürlichen Grenzen dar. Sind die USA Spitzenreiter beim Fleischkonsum – man pfercht dort rund 100.000 Rinder in »Feedlots« auf einem Quadratkilometer zusammen –, so verlangen, trotz des globalen Trends nach tierleidfreien Produkten aber auch immer mehr Menschen der stetig anwachsenden Weltbevölkerung nach Fleisch. China mit seinen 1,4 Milliarden Bürgern zum Beispiel. Dabei beutet die Landwirtschaft ohnehin schon in ungeeigneten Regionen Böden aus, wobei die Fleischproduktion rund 70 Prozent der verfügbaren landwirtschaftlichen Fläche einnimmt. Eine weitere Expansion war also schwer vorstellbar.

Dreieinhalb Erden

Würden weltweit etwa alle Menschen den europäischen Fleischkonsum anstreben, so wären täglich 60.000 Hektar neues Farmland und bald mehr als eine Erde nötig. Berücksichtigt man den Ressourcenverbrauch für den westlichen Lebensstil, sind es sogar dreieinhalb Erden. Da spielt es dann auch keine Rolle mehr, dass eine glückliche »Weidekuh« im Vergleich zur »Industriekuh« bis zu zehn Mal mehr Fläche braucht. Außerdem nimmt die Massentierhaltung 40 Prozent der weltweiten Ackerflächen nur für Futtermittel ein, was dem weltweiten Hunger in die Hände spielt.

Würde man sich in der Europäischen Union mit tiergerechter Weidehaltung versorgen wollen, so müsste die komplette Landfläche in Weideland umgewandelt und dazu noch ein Viertel des afrikanischen Kontinents übernommen werden. Reichlich utopisch und vor allem ungerecht.

Künstliches aber echtes Fleisch

Gesellschaftliches Umdenken, besonders in der Forschung und durch Aufklärungsarbeit, waren längst nötig, um den Verzehr von Fleisch und in Anlehnung an Cicero – »Ich bitte dich nicht, mich zu verschonen, wenn du in Not bist, sondern nur, wenn du frevelhafte Begierde hast. Töte mich, um zu essen, aber morde mich nicht, um besser zu essen!« – nicht schon bald, womöglich per Gesetz, zu beschränken.

Forscher begannen bereits in den 1990ern mit der Züchtung von kultiviertem Fleisch, sogenanntem Fleisch aus dem Glas. Die Erzeugung basiert dabei auf Methoden der Zellkultur, der künstlichen Herstellung biologischer Gewebe ohne Gentechnik. Ausgangszellen werden dem jeweiligen Tier schmerzfrei via Biopsie entnommen. Mit etwas DNA, etwa einem kleinen Stück eines Muskels, kann Fleisch somit ohne Nebenwirkungen für Mensch, Tier und Natur reproduziert werden – die Technologie funktioniert auch mit menschlichem Gewebe; nach Auskunft der Forscher sollen verlorene Gliedmaßen in einem beschleunigten Wachstumsprozess bald mit eigenem Gewebe gezüchtet und operativ angesetzt werden können. Das Problem bisher: hohe Kosten und der letzte technische Schritt.

Von der Einzel- bis zur Serienproduktion

Das Fleisch aus dem Glas, einem 3D-Gerät, soll jenem vom lebenden Tier dabei in Geschmack und Struktur exakt gleichen. Als Knochenersatz dienen etwa Lotuswurzeln für die perfekte Illusion. Die Herstellung des ersten künstlichen Stücks Fleisch für den Verzehr kostete anfangs rund 325.000 Euro. Neue Verfahren drückten den Preis aber rasch auf 100 Euro pro Stück, dann pro Kilo.

Forscher präsentierten nun neben den entwickelten Maschinen für den industriellen Gebrauch auch Apparate für den privaten Haushalt. Die Preise für Geräte im Hausgebrauch sollen anfangs zwar nicht ganz billig sein, man geht aber davon aus, dass die Endpreise, wie bei Elektrogeräten üblich, rasch sinken. Nach Angaben der Wissenschaftler kann der weltweite Fleischbedarf so mit echtem, aber künstlich gezüchtetem Fleisch gedeckt werden.

Ab in die Zukunft

Die Zeiten, in denen pro Jahr rund 300 Millionen Rinder, 4 Milliarden Schweine, 1 Milliarde Schafe und Ziegen, 5 Millionen Pferde, 2 Millionen Kamele, 3,5 Milliarden Enten und Puten oder 60 Milliarden Hühner plus aller Lebewesen aus dem Wasser auf die Schlachtbank gezerrt wurden, scheinen gezählt und der Satz des Pythagoras – »Wer mit dem Messer die Kehle eines Rindes durchtrennt und beim Brüllen der Angst taub bleibt, wer kaltblütig das schreiende Böcklein abzuschlachten vermag und den Vogel verspeist, dem er selber das Futter gereicht hat, wie weit ist ein solcher noch vom Verbrechen entfernt?« – verliert an Bedeutung.

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