Denkmäler für die Opfer des Kapitalismus errichtet

Die Vereinten Nationen weihen in Gedenken an die weltweiten Hungertoten vor ihren Hauptniederlassungen Mahnmale gegen Marktradikalismus ein.

Pünktlich zum jährlich stattfindenden Welternährungstag hat die Organisation der Vereinten Nationen (UN oder UNO) in New York und in Genf, dem Sitz der Weltgesundheitsorganisation sowie in Rom vor dem Sitz des Welternährungsprogramms – Neben- und Sonderorganisationen der UNO – offiziell Denkmäler gegen globale Armut und Hunger vorgestellt.

Zu den zeitgleich abgehaltenen Veranstaltungen in Italien, der Schweiz und den USA – in New York fand die Einweihung zeitversetzt statt – waren zahlreiche Gäste aus Kunst und Kultur sowie Vertreter gemeinnütziger Organisationen und Verbände, internationale Staatsgäste und auch Journalisten geladen. Nach Angaben von US-Medien waren in New York rund 100.000 Zuschauer anwesend, in Rom sollen es fast eben so viele gewesen sein. Lediglich in Genf fiel der Rahmen mit rund 15.000 Teilnehmern kleiner aus.

»Spekulanten töten Millionen von Menschen«

Bei der Einweihungszeremonie in Genf sprach der ehemalige UNO-Sonderberichterstatter und Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrats, Jean Ziegler, davon, dass »alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren verhungert«, obwohl die Weltwirtschaft problemlos 12 Milliarden Menschen ernähren könnte. Das tägliche »Massaker des Hungers« sei ein absoluter Skandal. »Spekulanten töten Millionen von Menschen«, so Ziegler vor seinen wütenden und angesichts der enormen globalen Ungerechtigkeit vor Zorn erbosten Landsleute.

Wegen der Spekulation auf Grundnahrungsmittel an den Börsen, den heiligen Stätten des Kapitalismus, haben sich die Lebensmittelpreise, etwa für Reis, Weizen oder Mais in kürzester Zeit teilweise mehr als verdoppelt, was einer der Hauptgründe für den Hungertod und die Unterernährung zahlreicher Menschen, besonders in Afrika und Südasien sei. Dabei hätten die Spekulanten keinen Bezug zur Realwirtschaft, den eigentlichen Märkten und Waren. Es werden lediglich Papiere gekauft und wieder verkauft. Einziges Ziel ist die schnelle Maximierung des Gewinns. »Ob Menschen dadurch zu Schaden kommen, spielt keine Rolle«, so Ziegler weiter vor Transparenten mit der Aufschrift: »Gier Heil«.

Auch der Papst mahnt

In Rom nahm Papst Franziskus an der Einweihung des Denkmals gegen den globalen Kapitalismus teil. Franziskus bezeichnete das weltweite Wirtschaftssystem, den Kapitalismus, als »unerträglich«. »Damit das System fortbestehen kann, müssen Kriege geführt werden, wie es die großen Imperien immer getan haben«, so das Oberhaupt der katholischen Kirche. Da man einen dritten Weltkrieg nicht führen könne, würde man eben zu regionalen Kriegen greifen.

So würden die führenden Volkswirtschaften in der Welt ihre Bilanzen mit der Produktion und dem Verkauf von Waffen sanieren, anstatt das Geld für Lebensmittel oder zur Bekämpfung von Armut einzusetzen. »Wenn man Fotos von unterernährten Kindern aus verschiedenen Teilen der Welt sieht, kratzt man sich am Kopf. Das versteht man nicht«, so der Papst. »Das Wirtschaftssystem sollte im Dienst der Menschen stehen. Aber wir haben das Geld in den Mittelpunkt gerückt, das Geld als Gott.«

Eine sichtlich aufgelöste Besucherin aus einem kleinen Dorf in Niederbayern, die den Papst eigentlich nur »einmal im Leben hautnah erleben« wollte, meinte: »Das wusste ich ja gar nicht, das mit dem Hunger, den Kriegen für Geld und so. Also bei uns in Bayern da spielen die Kinder doch immer so schön. Also das ist ja, ich bin entsetzt, wirklich entsetzt, ich möchte sogar sagen schockiert und froh diese weite Reise ins ferne Rom gemacht zu haben, nicht nur wegen dem Heiligen Vater.« Sie hätte jetzt einen ganz andern Blick auf die Welt und gab zu, bei den Reden des Papstes im Fernsehen bisher nie so genau hingehört zu haben. »Denen von der CSU und unserem Tagblatt, denen glaub ich jetzt nicht mehr, die sind doch bestimmt nur auf den eigenen Vorteil aus, die Gauner die«, so die ältere Dame aus Niederbayern, die umgehend ankündigte, ihr Amt als Schatzmeisterin im örtlichen Schützenverein sofort nach ihrer Rückkehr niederzulegen, da sie »mit Waffen kein Geld mehr einnehmen« möchte.

Getrieben von der Gier

In New York sprach Noam Chomsky – der selbst ernannte »libertäre Sozialist« und »Anarchist« ist Linguist, Autor und eine Art Superstar unter

den Intellektuellen – davon, dass man auf der internationalen Bühne auf einen Abgrund zurase. Chomsky erinnerte daran, dass der Finanzkapitalismus den »Herren der Welt« in die Hände gespielt hätte. Gewinne würden abgeschöpft, Verluste aber sozialisiert. Selbst nach der Finanzkrise von 2007 säßen die Profiteure der globalen Wirtschaft, wie Goldman Sachs, noch an den Schaltstellen der Macht. Sie wären sogar mächtiger denn je. Und, so Chomsky weiter, »hoffentlich gibt es endlich einen Volksaufstand gegen die vernichtende, zerstörerische Wirtschafts- und Sozialpolitik, die von den Bürokraten und den Banken kommt. Das gibt Hoffnung.«

Neben der Spekulation auf Lebensmittel gelten auch der Landraub durch Banken, sogenannte Hedgefonds und multinationaler Konzerne sowie die Verschuldung der ärmsten Länder oder auch die Abschottung von Agrarmärkten und der hauptsächlich von den Industrienationen verursachte Klimawandel als Gründe für die zahlreichen Hungertoten, die es weltweit täglich zu beklagen gibt.

Nach der Rede Chomskys kam es zu tumultartigen Szenen, nachdem eine kleine Gruppe randalierender Banker in Anzügen dem Juden Chomsky auf Plakaten vorwarf, ein »alter Antisemit« zu sein, da er den Finanzkapitalismus kritisiere, ja sogar sein Ende fordere. Das könne so unmöglich in einem der Religionsbücher stehen, in welchem sei auch egal, wie die überschaubare Zahl an Gegendemonstranten sichtlich frustriert durch ein Megafon grölte, nachdem die Gruppe mehrmals erfolglos versucht hatte, eine Mülltonne in Brand zu setzen. Einer der Banker, ein nicht unbekannter Händler der Wall Street, zog sich dabei schwere Verbrennungen zu. Die Randalierer wurden wegen versuchter Unruhestiftung von der Polizei vorübergehen in Gewahrsam genommen.

Gegen die Menschen

Mit den Mahnmalen gegen den Kapitalismus gedenkt man nicht nur der Toten, sie sollen auch zum Widerstand gegen den globalen Neoliberalismus auffordern, um diesem kannibalischen System, getrieben von der Gier, offen entgegenzutreten und eine humane und gerechte Weltordnung anzustreben, wie sich ein UNO-Vertreter in New York unter lautem Beifall kämpferisch gab.

Nach einer weltweiten Umfrage des renommierten Pew Research Center in Washington lehnten bereits im Jahr 2012 über die Hälfte der 26.000 Befragten in 21 Ländern, den freien Markt ab.

Auf den Veranstaltungen in New York, Rom und Genf wurde vor der Verharmlosung des sogenannten freien Marktes und seiner radikalen Ideologen gewarnt, denn niemand müsste im 21. Jahrhundert mehr verhungern. Geschieht dies doch, dann wäre es Mord, wie viele der Redner und Gäste auf den Veranstaltungen meinten. Vis-à-vis zum Eingang der Börse in New York, an der Wall Street, enthüllten Aktivisten ein Plakat mit der Aufschrift: »Treten Sie ein, hier können Sie ganz legal mordsmäßige Gewinne machen«.