Denkmäler für die Opfer des globalen Kapitalismus errichtet

Die Vereinten Nationen weihen in Gedenken an die täglichen Hungertoten vor ihren Hauptniederlassungen Mahnmale gegen den weltweiten Marktextremismus ein.

Pünktlich zum jährlich stattfindenden Welternährungstag hat die Organisation der Vereinten Nationen, die UNO oder auch UN, vor ihrem Hauptsitz in New York und in Genf, dem Sitz der Weltgesundheitsorganisation sowie in Rom vor dem Sitz des Welternährungsprogramms, Neben- und Sonderorganisationen der UN, offiziell ihre ersten Denkmäler gegen Armut und Hunger vorgestellt. In New York ist das Monument mit weit über hundert Metern Höhe das weltweit größte Mahnmal, um nicht im Hochhauswald der Stadt unterzugehen.

Zu den Veranstaltungen in Italien, der Schweiz und den USA waren zahlreiche Gäste aus Kunst und Kultur sowie Vertreter gemeinnütziger Organisationen und Verbände, internationale Staatsgäste und auch Journalisten geladen. Nach Angaben von US-Medien waren in New York über 100.000 Zuschauer anwesend, in Rom sollen es fast eben so viele gewesen sein. Lediglich in Genf fiel der Rahmen mit rund 50.000 Teilnehmern etwas kleiner aus.

Schon Franz Josef Strauß polterte im Jahr 1974: »Wir müssen doch jetzt endlich mal Schluss machen, das Risiko zu privatisieren, die Gewinne zu sozialisieren und die Entscheidungen zu kollektivieren. … Damit ist diese allmählich immer kränker gewordene Wirtschaft nicht mehr zu retten.«

»Spekulanten töten Millionen von Menschen«

Bei der Einweihungszeremonie in Genf sprach der ehemalige UNO-Sonderberichterstatter und Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrats, Jean Ziegler, davon, dass »alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren verhungert«, obwohl die Weltwirtschaft problemlos 12 Milliarden Menschen ernähren könnte. Das tägliche »Massaker des Hungers« sei ein absoluter Skandal. »Spekulanten töten Millionen von Menschen«, so Ziegler vor erbosten Zuschauern, die mit zahlreichen Plakaten, wie »Gier Heil«, Fangesängen und bengalischen Feuerwerken auf eine enorme globale Ungerechtigkeit hinwiesen.

Wegen der Spekulation auf Grundnahrungsmittel an den Börsen, den heiligen Stätten des Kapitalismus, haben sich die Lebensmittelpreise, etwa für Reis, Weizen oder Mais in kürzester Zeit teilweise mehr als verdoppelt, was einer der Hauptgründe für den Hungertod und die Unterernährung zahlreicher Menschen, besonders in Afrika und Südasien sei. Dabei hätten die Spekulanten keinen Bezug zur Realwirtschaft, den eigentlichen Märkten und Waren. Es werden lediglich Papiere gekauft und wieder verkauft. Einziges Ziel ist die schnelle Maximierung des Gewinns. »Ob Menschen dadurch zu Schaden kommen, spielt keine Rolle«, so Ziegler.

Auch der Papst mahnt

In Rom nahm Papst Franziskus an der Einweihung des Denkmals gegen den globalen Kapitalismus teil. Franziskus bezeichnete das weltweite Wirtschaftssystem, den Kapitalismus, als »unerträglich«. »Damit das System fortbestehen kann, müssen Kriege geführt werden, wie es die großen Imperien immer getan haben«, so das Oberhaupt der katholischen Kirche. Da man einen dritten Weltkrieg nicht führen könne, würde man eben zu regionalen Kriegen greifen.

So würden die führenden Volkswirtschaften in der Welt ihre Bilanzen mit der Produktion und dem Verkauf von Waffen sanieren, anstatt das Geld für Lebensmittel oder zur Bekämpfung von Armut einzusetzen. »Wenn man Fotos von unterernährten Kindern aus verschiedenen Teilen der Welt sieht, kratzt man sich am Kopf. Das versteht man nicht«, so der Papst. »Das Wirtschaftssystem sollte im Dienst der Menschen stehen. Aber wir haben das Geld in den Mittelpunkt gerückt, das Geld als Gott.«

Auch der ehemalige bayerische CSU-Ministerpräsident und Papst-Fan Edmund Stoiber, dankte Franziskus für seine offenen Worte. »Eines der wichtigsten Ereignisse der letzten Jahre war der Besuch des bayerischen Papstes aus Deutschland in Bayern«, so Stoiber, der von seinem Parteikollegen Stephan Mayer nach Rom begleitet wurde. »Selbstverständlich muss das Beschimpfen religiöser oder weltanschaulicher Bekenntnisse unter Strafe gestellt bleiben«, wie Mayer meint.

Getrieben von der Gier

In New York sprach Noam Chomsky – der selbst ernannte »libertäre Sozialist« und »Anarchist« ist Linguist, Autor und eine Art Superstar unter

den Intellektuellen – davon, dass man auf der internationalen Bühne auf einen Abgrund zurase. Chomsky erinnerte daran, dass der Finanzkapitalismus den »Herren der Welt« in die Hände gespielt hätte. Gewinne würden abgeschöpft, Verluste aber sozialisiert. Selbst nach der Finanzkrise von 2007 säßen die Profiteure der globalen Wirtschaft, wie Goldman Sachs, noch an den Schaltstellen der Macht. Sie wären sogar mächtiger denn je. Und, so Chomsky weiter, »hoffentlich gibt es endlich einen Volksaufstand gegen die vernichtende, zerstörerische Wirtschafts- und Sozialpolitik, die von den Bürokraten und den Banken kommt. Das gibt Hoffnung.«

Neben der Spekulation auf Lebensmittel gelten auch der Landraub durch Banken, sogenannte Hedgefonds und multinationaler Konzerne sowie die Verschuldung der ärmsten Länder oder die Abschottung von Agrarmärkten und der hauptsächlich von den Industrienationen verursachte Klimawandel als Gründe für die zahlreichen Hungertoten, die es weltweit täglich zu beklagen gibt.

Während der Rede Chomskys kam es allerdings zu tumultartigen Szenen, als eine kleine Gruppe randalierender Banker Chomsky Antisemitismus vorwarf, da er den Finanzkapitalismus kritisiere und das auch noch nahe der Wall Street. Nachdem die Gruppe mehrmals erfolglos versuchte, eine Mülltonne in Brand zu setzen – ein Banker zog sich dabei starke Verbrennungen zu, als seine Krawatte Feuer fing – wurden die Randalierer wegen Unruhestiftung von mit Schlagstöcken ausgerüsteten Polizisten in Gefängniswagen abgeführt.

Gegen die Menschen

Mit den Mahnmalen gegen den Kapitalismus möchte man allerdings nicht nur der Toten gedenken. Sie sollen auch zum Widerstand gegen den globalen Neoliberalismus auffordern, um diesem kannibalischen System, getrieben von Gier, offen entgegenzutreten, gab sich ein hoher UNO-Vertreter mit hochgekrempelten Ärmeln in New York unter frenetischem Jubel kämpferisch. Nach einer weltweiten Umfrage des renommierten Pew Research Center in Washington lehnten bereits im Jahr 2012 über die Hälfte der 26.000 Befragten in 21 Ländern, den freien Markt ab.

Auf den Veranstaltungen in New York, Rom und Genf wurde vor der Verharmlosung des sogenannten freien Marktes und seiner radikalen Ideologen gewarnt, denn niemand müsste im 21. Jahrhundert mehr verhungern. Geschieht dies doch, dann wäre es Mord.