Bildungsrevolution: Leistungsdruck und Noten fliegen in hohem Bogen von den Schulen

Das deutsche Schulsystem wird komplett umgestellt. Darauf einigten sich Vertreter der Länder im Rahmen der Kultusministerkonferenz. Die Bundesrepublik könnte damit zum Vorreiter einer internationalen Revolution im Bildungsbereich werden.

Wie auf der letzten Kultusministerkonferenz beschlossen und in einer gemeinsamen Abschlusserklärung bestätigt, wird der Vorschlag einer Sachverständigenkommission für eine umfassende und fundamentale Bildungsreform ab dem kommenden Schuljahr stufenweise in allen Bundesländern umgesetzt. Entsprechende Pläne liegen bereits vor. Mit der Entscheidung möchte man einer »Verkürzung des Lebens auf die Ökonomie entgegentreten und gesellschaftliche Probleme der Zukunft vernünftig lösen«.

Individuen, keine Objekte

Man müsse sich vom ungerechten und unterdrückenden Schulsystem des letzten Jahrhunderts verabschieden, neueste Erkenntnisse der Hirnforschung und Entwicklungspsychologie berücksichtigen und die Kindheit, das Wohl und die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen in den Mittelpunkt der Bildung rücken, anstatt sie zu zerstören, wie es in der Erklärung der Minister und Bildungsexperten weiter heißt.

Kinder dürften nicht wie einheitliche Objekte geformt und ihr Potenzial verschwendet werden, was zu einer Gesellschaft von Angepassten führt. Es sei auch nicht die Aufgabe der Schule, Angst zu verbreiten oder alle gleichzumachen. Bisher würden vielmehr systemkonforme Wissensfresser, die das Wichtigste, selbst zu denken, nicht lernen, gezüchtet. »Dieser Irrweg hat jetzt ein für alle Mal ein Ende, für die Kinder und die Zukunft unserer bayrischen Heimat«, wie sich etwa der Kultusminister Bayerns überzeugt und mit der Ergebnis höchst zufrieden zeigte.

Eingliedriges Schulsystem mit Freiraum für Entfaltung

Konkret wird auf ein eingliedriges Schulsystem mit Gemeinschaftsschulen umgestellt und Abstand vom Lernen nach Vorschrift sowie der Klassifizierung von Kindern genommen. Noten, Numerus clausus, Fächer, Zeit- und Leistungsdruck, Stillsitzen, Drill und Konkurrenzkampf werden künftig durch Elementarunterricht, erfahrungs-, gefühls- und begeisterungsorientiertes Lernen sowie durch Bewusstseins-, Werte- und Herzensbildung, einer guten und gesunden Beziehung zum eigenen Körper, ersetzt.

Durch die grundsätzliche Neuausrichtung in der Bildung wird auch ein Rahmen gesteckt, in dem die individuelle Entwicklung und die Fähigkeit, selbstständig sowie in Gemeinschaft und mit Bezug zur Umwelt zu lernen, in Projekten gefördert und begleitet wird. Zensuren werden ohne Noten und nicht mehr zum Vergleich, sondern als Rückmeldung über den gegenwärtigen Wissensstand durchgeführt. Aufnahmen an Weiter- und Ausbildungseinrichtungen, Hochschulen oder Universitäten sollen nach entsprechenden Eignungsverfahren erfolgen.

Jedes Kind ist einzigartig und damit hochbegabt

Man hat die Notwendigkeit umzudenken verstanden, so der Tenor der Minister. Kinder dürften nicht länger zu funktionierenden oder beliebig benutz-, einsetz- und ausnutzbaren Konsumenten oder Produzenten gezüchtet werden, denen man eigenständiges, kreatives und kritisches Denken, möglichst die Individualität, eigene Meinung, Freude und Muse abgewöhnt. »Jedes Kind bringt andere Eigenschaften mit, weshalb auch jedes Kind hochbegabt ist«, schlussfolgerte etwa der hessische Kultusminister.

Es ginge in der Bildung schließlich nicht um Ertrag, sie ereignet sich und ist eine Anleitung für Kinder und Jugendliche eigenständig zu lernen. Lernen habe nichts mit dem Wiedergeben von Standardantworten und möglichst viel Stoff in kürzester Zeit oder dem Erfüllen von Vorgaben zu tun.

Viel zu lange ist man einem veralteten Begabungsbegriff gefolgt und hat Erkenntnisse der Forschung, etwa über das Lernen durch Emotionen und Erfahrungen, ignoriert. Schüler sollen sich in Zukunft viel mehr auf die Schule freuen, indem sie den Stoff zusammen erleben und erarbeiten, sich frei entfalten und Neugier, Neigungen oder Interessen nachgehen können, wobei Lehrer begleiten und Gruppen, die etwas in Projekten leisten wollen, zusammenstellen, wie es im Abschlussbericht heißt.

Es bestand dringender Reformbedarf

Auf dem Weg zum Abitur haben Schüler bisher unzählige Stunden Unterricht hinter sich, vergessen vieles davon aber relativ schnell wieder, was die Ineffizienz des prüfungsorientierten Schulsystems, einem Relikt des industriellen Zeitalters, deutlich macht. Außerdem hängen die Bildungschancen von Kindern in Deutschland stark von der sozialen Herkunft ab. Kritiker bemängelten zudem schon länger, dass Bildung zu einem Geschäftsmodell verkommen ist und Schüler nur Teile einer wirtschaftlichen Verwertungskette sind.

In China, dem Muster-PISA-Kandidaten, schlafen die Kinder am wenigsten, lernen am längsten und es herrscht ein enormer Prüfungsdruck, was im Reich der Mitte zur höchsten Selbstmordrate unter Jugendlichen führt. Am Ende dieses fehlgeleiteten Systems stehen dann »geföhnte Bubies und Barbie-Puppen im Business-Look«, wie sich ein ehemaliger Daimler-Benz- und Lufthansa-Manager über Absolventen von Wirtschaftsstudiengängen einmal ausdrückte.

Bisher, so das Resümee der Kommission, kommen zwar nahezu alle Kinder hochbegabt zur Welt, nach der Schule wären es aber nur noch rund zwei Prozent. Nach erfolgter Umsetzung der Bildungsreform in den Ländern, da sind sich die Kultusminister einig, werden alle Schüler, also auch alle zukünftigen Kultusminister, die Schule wieder hochbegabt verlassen.