Bildungsreform: Leistungsdruck und Noten fliegen von den Schulen

Das deutsche Schulsystem wird modernisiert. Zu dieser Entscheidung kamen Vertreter der Länder im Rahmen der Kultusministerkonferenz. Die Bundesrepublik übernimmt damit eine Vorreiterrolle in der Bildung. [Wörter: 655]

Das deutsche Schulsystem wird modernisiert. Zu dieser Entscheidung kamen Vertreter der Länder im Rahmen der Kultusministerkonferenz. Die Bundesrepublik übernimmt damit eine Vorreiterrolle in der Bildung.
Wie auf der letzten Kultusministerkonferenz verabschiedet und in einer gemeinsamen Abschlusserklärung bestätigt, wird der Vorschlag einer Sachverständigenkommission für eine Bildungsreform ab dem kommenden Schuljahr stufenweise in den Bundesländern umgesetzt. Entsprechende Pläne liegen bereits vor. Mit dem Schritt möchte man auch einer Verkürzung des Lebens auf die Ökonomie entgegentreten, um die gesellschaftlichen Probleme der Zukunft vernünftig zu lösen.
Individuen, keine Objekte
Man müsse sich vom Schulsystem des letzten Jahrhunderts verabschieden, neueste Erkenntnisse der Hirnforschung und Entwicklungspsychologie berücksichtigen und die Kindheit, das Wohl und die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen in den Mittelpunkt der Bildung rücken, anstatt sie zu zerstören, wie es bei der Erklärung hieß.
Kinder dürften nicht wie einheitliche Objekte geformt und ihr Potenzial verschwendet werden, was zu einer Gesellschaft von Angepassten führt. Es sei auch nicht die Aufgabe der Schule, Angst zu verbreiten oder alle gleichzumachen. Bisher würden vielmehr systemkonforme Wissensfresser, die das Wichtigste, selbst zu denken, nicht lernen, gezüchtet. Dieser Irrweg würde nun beendet.
Eingliedriges Schulsystem mit Freiraum für Entfaltung
Konkret wird auf ein eingliedriges Schulsystem mit Gemeinschaftsschulen umgestellt und Abstand vom Lernen nach Vorschrift sowie der Klassifizierung von Kindern genommen. Noten, Numerus clausus, Fächer, Zeit- und Leistungsdruck, Stillsitzen, Drill und Konkurrenzkampf werden künftig durch Elementarunterricht, erfahrungs-, gefühls- und begeisterungsorientiertes Lernen sowie durch Bewusstseins-, Werte- und Herzensbildung, einer guten und gesunden Beziehung zum eigenen Körper, ersetzt.
Durch die Reform wird ein Rahmen gesteckt, in dem die individuelle Entwicklung und die Fähigkeit, selbstständig sowie in Gemeinschaft und mit Bezug zur Umwelt zu lernen, in Projekten gefördert und begleitet wird. Zensuren werden nicht mehr zum Vergleich und ohne Noten, sondern als Rückmeldung über den gegenwärtigen Wissensstand durchgeführt. Aufnahmen an Weiter- und Ausbildungseinrichtungen, Hochschulen oder Universitäten sollen nach entsprechenden Eignungsverfahren erfolgen.
Jedes Kind ist einzigartig und damit hochbegabt
Man hat die Notwendigkeit umzudenken verstanden, so der Tenor der Minister. Kinder dürften nicht länger zu funktionierenden oder beliebig benutz-, einsetz- und ausnutzbaren Konsumenten oder Produzenten gezüchtet werden, denen man eigenständiges, kreatives und kritisches Denken, möglichst die Individualität, eigene Meinung, Freude und Muse abgewöhnt. Jedes Kind bringt andere Eigenschaften mit, weshalb auch jedes Kind hochbegabt ist, so ein Experte der Kommission.
Es ginge in der Bildung nicht um Ertrag, sie ereignet sich und ist eine Anleitung für Kinder und Jugendliche eigenständig zu lernen. Lernen habe nichts mit dem Wiedergeben von Standardantworten und möglichst viel Stoff in kürzester Zeit oder dem Erfüllen von Vorgaben zu tun, so der Sachverständige weiter.
Viel zu lange ist man einem veralteten Begabungsbegriff gefolgt und hat Erkenntnisse der Forschung, etwa über das Lernen durch Emotionen und Erfahrungen, ignoriert. Schüler sollen sich in Zukunft viel mehr auf die Schule freuen, indem sie den Stoff zusammen erleben und erarbeiten, sich frei entfalten und Neugier, Neigungen oder Interessen nachgehen können, wobei Lehrer begleiten und Gruppen, die etwas in Projekten leisten wollen, zusammenstellen.
Es bestand dringender Reformbedarf
Auf dem Weg zum Abitur haben Schüler bisher unzählige Stunden Unterricht hinter sich, vergessen vieles davon aber wieder, was die Ineffizienz des prüfungsorientierten Schulsystems, einem Relikt des industriellen Zeitalters, deutlich macht. Außerdem hängen die Bildungschancen von Kindern in Deutschland stark von der sozialen Herkunft ab. Kritiker bemängelten zudem schon länger, dass Bildung zu einem Geschäftsmodell verkommen ist und Schüler nur Teile einer wirtschaftlichen Verwertungskette sind.
In China etwa, dem Muster-PISA-Kandidaten, schlafen Kinder am wenigsten, lernen am längsten und es herrscht größter Prüfungsdruck, was im Reich der Mitte zur höchsten Selbstmordrate unter Jugendlichen führt. Am Ende dieses fehlgeleiteten Systems stehen dann »geföhnte Bubies und Barbie-Puppen im Business-Look«, wie sich ein ehemaliger DAX-Manager einmal über Studenten der Wirtschaftswissenschaften ausdrückte.
Bisher, so einer der Experten, kommen zwar nahezu alle Kinder hochbegabt zur Welt, nach der Schule wären es aber nur noch rund zwei Prozent. Nach erfolgreich umgesetzter Bildungsreform, sind sich die Kultusminister sicher, werden alle Schüler die Schule wieder hochbegabt verlassen.
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