Bildungsrausch: Leistungsdruck und Noten fliegen hochkant raus

Das deutsche Schulsystem wird auf den Kopf gestellt. Darauf einigten sich Vertreter der Länder im Rahmen der Kultusministerkonferenz nach einem Besuch in Amsterdam.

Wie bei der Abschlusserklärung der Kultusministerkonferenz in Bonn mitgeteilt wurde, wird der Vorschlag einer Sachverständigenkommission für eine umfassende und fundamentale Bildungsreform ab dem kommenden Schuljahr stufenweise in allen deutschen Bundesländern umgesetzt. Entsprechende Pläne liegen bereits vor. Mit der Entscheidung möchte man einer »Verkürzung des Lebens auf die Ökonomie entgegentreten und gesellschaftliche Probleme der Zukunft vernünftig lösen.«

Die Pläne der Experten zur Revolution des deutschen Bildungssystems wurden zuvor bei einer gemeinsamen Bildungsreise der Minister nach Amsterdam vertieft. Der Besuch wurde von der internationalen Vereinigung »Coffeeshops United« ermöglicht. Man wählte die Niederlande als Ausflugsziel, da im Nachbarland eine ähnlich umfangreiche Bildungsreform bereits letztes Jahr beschlossen wurde. Davon wollte man sich nun inspirieren lassen.

Individuen, keine Objekte

Man müsse sich vom ungerechten und unterdrückenden Schulsystem des letzten Jahrhunderts verabschieden, neueste Erkenntnisse der Hirnforschung und Entwicklungspsychologie berücksichtigen und die Kindheit, das Wohl und die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen in den Mittelpunkt der Bildung rücken, anstatt sie zu zerstören.

Kinder dürften nicht wie einheitliche Objekte geformt und ihr Potenzial verschwendet werden, was zu einer Gesellschaft von Angepassten führt. Es sei auch nicht die Aufgabe der Schule, Angst zu verbreiten oder alle gleichzumachen. Bisher würden vielmehr systemkonforme Wissensfresser, die das Wichtigste, selbst zu denken, nicht lernen, gezüchtet, gaben sich die Minister von den Reformvorschlägen überzeugt.

Es sei ein wirklich berauschendes Erlebnis gewesen. Man hätte den eigenen Horizont erweitern und andere Ebenen kennengelernt, so die Kultusminister über den Ausflug nach Amsterdam.

Eingliedrig und jede Menge Freiraum

Konkret wird auf ein eingliedriges Schulsystem mit Gemeinschaftsschulen umgestellt und Abstand vom Lernen nach Vorschrift sowie der Klassifizierung von Kindern genommen. Noten, Numerus clausus, Fächer, Zeit- und Leistungsdruck, Stillsitzen, Drill und Konkurrenzkampf werden künftig durch Elementarunterricht, erfahrungs-, gefühls- und begeisterungsorientiertes Lernen sowie durch Bewusstseins-, Werte- und Herzensbildung, einer guten und gesunden Beziehung zum eigenen Körper, ersetzt.

Durch die grundsätzliche Neuausrichtung in der Bildung soll auch ein Rahmen gesteckt werden, in dem die individuelle Entwicklung und die Fähigkeit, selbstständig sowie in Gemeinschaft und mit Bezug zur Umwelt zu lernen, in Projekten gefördert und begleitet wird. Zensuren werden ohne Noten und nicht mehr zum Vergleich, sondern als Rückmeldung über den gegenwärtigen Wissensstand durchgeführt. Aufnahmen an Weiter- und Ausbildungseinrichtungen, Hochschulen oder Universitäten sollen nach entsprechenden Eignungsverfahren erfolgen.

Jedes Kind ist einzigartig und hochbegabt

Man hat die Notwendigkeit umzudenken verstanden, so der Tenor der Minister, die eine weitere Fortbildungsreise in das Nachbarland vereinbarten. Kinder dürften schließlich nicht länger zu funktionierenden oder beliebig benutz-, einsetz- und ausnutzbaren Konsumenten oder Produzenten gezüchtet werden, denen man eigenständiges, kreatives und kritisches Denken, möglichst die Individualität, eigene Meinung, Freude und Muse abgewöhnt.

Jedes Kind bringt andere Eigenschaften mit, weshalb jedes Kind auch hochbegabt ist. Es ginge in der Bildung doch nicht um Erträge, sie ereignet sich und ist eine Anleitung für Kinder und Jugendliche eigenständig zu lernen. Lernen habe auch nichts mit dem Wiedergeben von Standardantworten und möglichst viel Stoff in kürzester Zeit oder dem stupiden Erfüllen von Vorgaben zu tun. Viel zu lange ist man einem veralteten Begabungsbegriff gefolgt und hat Erkenntnisse der Forschung, etwa über das Lernen durch Emotionen und Erfahrungen ignoriert.

Schüler sollen sich in Zukunft viel mehr auf die Schule freuen, indem sie den Stoff zusammen erleben und erarbeiten, sich frei entfalten und Neugier, Talenten oder Neigungen nachgehen können. Dabei werden Lehrer Projektgruppen mit Teilnehmern, die nach ihren Interessen etwas leisten wollen, zusammenstellen und begleiten. Und auch Horst Seehofer mahnte aus Passau: »Wir lassen uns diese Leitkultur von niemandem ausreden.«

Dringender Handlungsbedarf

Auf dem Weg zum Abitur haben Schüler bisher unzählige Stunden Unterricht hinter sich, vergessen vieles davon aber relativ schnell wieder, was die Ineffizienz des prüfungsorientierten Schulsystems, einem Relikt des industriellen Zeitalters, deutlich macht. Außerdem hängen die Bildungschancen von Kindern in Deutschland stark von der sozialen Herkunft ab. Kritiker bemängelten zudem schon länger, dass Bildung zu einem Geschäftsmodell verkommen ist und Schüler nur Teile einer wirtschaftlichen Verwertungskette sind.

In China, einem Muster-PISA-Kandidaten, schlafen die Kinder am wenigsten, lernen am längsten und es herrscht ein enormer Prüfungsdruck, was im Reich der Mitte zur höchsten Selbstmordrate unter Jugendlichen führt. Am Ende dieses fehlgeleiteten Systems stehen dann »geföhnte Bubies und Barbie-Puppen im Business-Look«, wie sich ein ehemaliger deutscher Manager über Absolventen von Wirtschaftsstudiengängen äußerte.

Zwischen den Horizonten

Bisher, so das Resümee der Kommission, kommen zwar alle Kinder hochbegabt zur Welt, nach der Schule wären es aber nur noch rund zwei Prozent. Nach erfolgter Umsetzung der Bildungsreform in den Ländern, da sind sich die Kultusminister sicher, werden alle Schüler die Schule auch wieder hochbegabt verlassen.

Im Freistaat Bayern soll seit der Bildungsreise der Minister nach Amsterdam Cannabis legalisiert werden. Lediglich Edmund Stoiber schließt sich der Forderung seiner Regierungspartei, der CSU nicht an. »Liberalität heißt doch nicht, für alles offen zu sein und alles zu tolerieren. Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht«, so Stoiber.