Als das Volk die Erde beben ließ

Nie zuvor rebellierten weltweit so viele Menschen erfolgreich gegen die zunehmende Ungleichverteilung von Vermögen wie im vergangenen Jahr. Ein kurzer Rückblick.

Das US-Nachrichtenmagazin Time beginnt seine Wahl zur Person des letzten Jahres mit den Worten: »Vergessen Sie die Occupy-Bewegung von 2011«. Damals würdigte man die weltweite Protestbewegung, in dem man eine anonyme Demonstrantin als den Menschen vorstellte, der das Jahr am meisten geprägt habe. Dieses Mal fiel die Wahl der New Yorker Zeitschrift auf eine anonyme Revolutionärin. Der Unterschied zu Occupy liegt im Erfolg der internationalen Protestbewegung des letzten Jahres.

Zwölf Monate, nachdem innerhalb weniger Tage mehrere Studien zur weltweiten Ungleichheit veröffentlicht wurden und aufgebrachte Bewohner amerikanischer Slums in der Folge Banken und Luxusanwesen in Brand setzten, hat sich eine revolutionäre Bewegung über den amerikanischen Kontinent, Teile Afrikas und Europas bis nach Südasien ausgedehnt und die globale Politik nachhaltig verändert. Dabei wurde die »Macht des Volkes neu definiert«, erläutert das renommierte Nachrichtenmagazin seine Entscheidung. Weiter heißt es in der jüngsten Ausgabe der US-Zeitschrift: »Es ist bemerkenswert, wie viel die Spitzen der Protestbewegung gemein haben.«

Gegen den neuen Feudalismus

Die größte Gemeinsamkeit der Menschen war vor allem die Wut über die von den Studien belegte Ungerechtigkeit. Danach hätten die zehn reichsten Menschen der Erde mehr als die halbe Weltbevölkerung, also rund 3,7 Milliarden Menschen und das reichste Prozent mehr als die restlichen 99 Prozent. So soll etwa der vermögendste Mann in Vietnam an nur einem Tag mehr einnehmen, als die Ärmsten des Landes in zehn Jahren. Während die Einkommen der unteren zehn Prozent in den letzten Jahrzehnten um nicht einmal drei Dollar stiegen und real stagnierten, vervielfachte das reichste Prozent sein Einkommen um mehr als das 180-Fache. In den Studien wurde auch darauf hingewiesen, dass die extreme Ungleichheit kein Problem des Südens ist und in den meisten Industriestaaten ebenfalls erheblich hoch sei. Es liege am System. Die Politik hätte längst vor der Wirtschaft kapituliert.

Das trieb die Menschen aus den Armenvierteln und sozialen Brennpunkten, aber auch Studenten, gut ausgebildete in prekären Verhältnissen oder besorgte Bürger der Mittelklasse, im vergangenen Frühjahr in vielen Ländern in Scharen auf die Straßen.

Dabei hätten fast alle Bewegungen unabhängig von bestehenden politischen Parteien oder oppositionellen Gruppen begonnen. »Überall in der Welt kämpften die Demonstranten gegen die vorherrschende Korruption, das Diktat der Wirtschaft sowie das politische System, das sich zu einer Schein-Demokratie entwickelt hat, die den Reichen und Mächtigen dient und echte Veränderung blockiert«, fast die Zeitschrift die Motivation der rebellierenden Massen zusammen.

Nicht rechts, nicht links, sondern unten gegen oben

Schon Aristoteles wusste, dass die Ungleichheit die Quelle aller Revolutionen ist und durch nichts erträglich gemacht werden kann. Der rund um den Globus entbrannte Kampf um den öffentlichen Raum einte sie im vergangenen Jahr alle. Nur vereinzelt wagte es die Politik, sich dem Volk in den Weg zu stellen. Wie in Bayern, wo man von einer »Volksfront sprach« und den Einsatz der Armee forderte. Innenminister Günther Beckstein meinte, dass es Leute im Volk gibt, »denen sieht man an, dass es eine Sünde wäre, sie nicht zu kontrollieren«, woraufhin Ministerpräsident Markus Söder forderte: »Der Staat muss deutlich entschlossener handeln. Jetzt beginnen wir die Kontrolle über Straßen und Plätze zu verlieren.« Söder damals weiter: »Möge die Macht mit mir sein!«. Sie war es nicht.

In zahlreichen Metropolen, ob in Europa, auf dem amerikanischen Kontinent, in Afrika oder Asien, bildeten sich an großen und symbolträchtigen Plätzen noch größere Protestcamps als noch im Jahr 2011. Die Bewegungen vernetzten sich und gewannen rasch an Wucht, da diesmal auch die Ärmsten ihren Frust in die Stadtzentren trugen. Die Menschen in den Slums solidarisierten sich, Arbeiter stürmten Fabriken und neue Flüchtlingswellen setzten sich in Bewegung. Es kam zu Belagerungen von Banken, Medien oder Parlamenten und zu wochenlangen Aufständen. Die Welt stand letztes Jahr kurz vor einem »weltweiten Bürgerkrieg der Armen und Aufrechten gegen die Reichen und Ignoranten«, wie das New Yorker Nachrichtenmagazin schreibt.

Die Macht der Masse

Es waren die Heerscharen, die überall auf den Straßen und Plätze ausharrten und sich so lange gemeinsam gegen die globalen Verhältnisse zur Wehr setzten, bis die Vereinten Nationen dem Druck von brennenden Gebäuden, Autos, Plätzen und Barrikaden in zahlreichen Städten nachgaben und am 11. September des letzten Jahres zu einer außerordentlichen Dringlichkeitssitzung zusammenkamen. Belagert von Tausenden, zu scheinbar allem entschlossenen Revolutionären, einigte man sich in New York auf eine verbindliche soziale Weltgesetzgebung mit existenzsichernden Mindeststandards sowie der Begrenzung von Reichtum und der Einhaltung der Menschenrechte in allen UN-Mitgliedsstaaten, so wie es von der weltweiten Bewegung im Wesentlichen zuvor gefordert wurde.

Letztes Jahr, so titelt das Time-Magazin, war »das Jahr der großen Rebellion« und, so heißt es weiter, dabei hätte sich die Masse der Anständigen durchgesetzt und den Anstoß für nichts Geringeres als ein Manifest globaler Gerechtigkeit erkämpft.