Adieu: Der Adelsstand wird abgeschafft

In vielen Teilen Europas wurde der Adelsstand im 19. und 20. Jahrhundert verboten. Nach einem EU-Beschluss wird die Aristokratie auch aus dem restlichen Europa verbannt.

Es ist ein Schock für die letzten europäischen Königshäuser, ihre folgsamen Untertanen, Bewunderer und ewig Gestrigen. Nicht nur, dass man den durch Geburt Privilegierten sämtliche materiellen und politischen Vorzüge entzieht, sie werden auch formal zu ganz gewöhnlichen Bürgern. Ein Vorschlag der Europäischen Kommission zur vollständigen Abschaffung des Adelsstands in der Europäischen Union (EU) bekam im Europaparlament gegen den Widerstand der Konservativen eine Mehrheit. Auch der EU-Rat gab grünes Licht für ausschließlich rotes und gegen blaues Blut.

Mit dem Schritt möchte man die demokratischen Strukturen in der EU und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte – »Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren«, erster Artikel – stärken, wie ein fraktionsloser EU-Parlamentarier in Straßburg nach der Entscheidung des Parlaments sagte. Dieses alberne Relikt der Aristokratie wäre nicht nur gesellschaftlich zementiertes Unrecht, sondern hätte in einer aufgeklärten Gesellschaft, im 21. Jahrhundert nichts mehr verloren.

Einige konservative Vertreter hatten sich für eine Beibehaltung der »guten alten Tradition« ausgesprochen. Es sei doch »etwas Wunderbares, dienen zu dürfen«, wie etwa Karl-Theodor Guttenberg meinte. Er wies auch daraufhin, dass die gesellschaftliche Einteilung in Klassen doch besser als Gleichmacherei wäre. »Bei den Kindern machen wir das doch auch so, schon in der Schule fangen wir damit an«, so Guttenberg. Adelsverbände wollten sich zur Entscheidung der EU nicht weiter äußern und gaben lediglich bekannt, dass man davon ausging, dass der erste Artikel der Menschenrechte zwar »wichtig sei und Gültigkeit hätte, aber doch nicht für alle.« Nun würde auch den letzten europäischen Monarchisten das genommen, was doch so lange mühsam und blutig mit dem Schwert erkämpft, über Jahrhunderte verteidigt und nicht zuletzt mit Gottes Segen gegeben wurde, eine goldene Krone.

Ohne »von« und »zu«

Der Gesetzentwurf der EU orientiert sich an einem alten Gesetz, dem sogenannten Adelsaufhebungsgesetz aus dem Jahr 1919, einem österreichischen Verfassungsgesetz, nachdem das Führen von Adelszeichen, Prädikaten, adeliger Beinamen und Standesbezeichnungen sowie von Wappennamen, Familienwappen, mit einem Adelsvorzug verbundener und diverser Titel oder Würden per Gesetz aufgehoben wurde. Der Gebrauch und die Ausführung der verbotenen Bezeichnungen, etwa in der Öffentlichkeit oder im amtlichen und gesellschaftlichen Schriftverkehr, stehen dabei unter Strafe. Gleiches gilt für ausländische Titel.

In vielen europäischen Ländern, besonders in Süd- und Osteuropa oder in Frankreich wurde der Adel durch die Aufklärung und Entwicklung, hin zu Republiken, durch demokratische, sozialistische und kommunistische Veränderungen, schon vor dem Zweiten Weltkrieg abgeschafft. Auch in Russland oder China gibt es keinen sogenannten Adel mehr. Ein ehemaliger Freiherr, der ohne seinen alten Titel nicht genannt werden möchte, das höre sich jetzt so »nackt und unbedeutend an«, wie er meinte, warnte davor, dass nun chinesische Verhältnisse in »Resteuropa« einziehen würden. »Jetzt wird alles rot, die politische Gesinnung und sogar das Blut meines Standes«, so der Fünfzigjährige dessen ehemals und nun wieder bürgerliche Ehefrau meinte, dass »jetzt ja alles für die Katz war, das Briefpapier, die Heirat, einfach alles.«

In anderen Ländern stellt der Adel bis heute eine geschlossene soziale Schicht mit einem Standesethos dar und ist überdurchschnittlich häufig, in der Regel ohne vom Volk gewählt worden zu sein, in Führungspositionen und hohen Ämtern vertreten.

Besserstellung ohne demokratische Legitimation

In EU-Staaten, in denen es noch aristokratische Bezeichnungen, wie in Deutschland gab oder darüber hinaus Standesunterschiede und Vorzüge existierten, um als Repräsentant an der Spitze eines Staates zu stehen, gar ein politisches Mitspracherecht, wie in Spanien, den Beneluxstaaten oder in Großbritannien und Skandinavien, wird der gesamte Adelsstand sowie sämtliche Privilegien durch das neue EU-Gesetz abgeschafft und die Weiterführung künftig strafbar. In Spanien, Großbritannien und Schweden sollen Mitglieder der Königsfamilien sogar öffentlich mit Selbstmord gedroht haben, sollte das EU-Gesetz tatsächlich angewendet werden, woraufhin treue Untertanen anboten, stattdessen ihrer selbst opfern zu wollen.

Grundsätzlich steht die Aristokratie im Widerspruch zur Demokratie, der Herrschaft des Volkes. Auch der Gleichheitsgrundsatz wird durch den Monarchismus verletzt, indem sich die Gruppe des Adels eigenmächtig und von Geburt, durch Titel, bestimmte Ehren, Ämter, Ränge und Stellungen über alle anderen Menschen erhebt und als wertvoller und von besonderer Bedeutung erachtet, wie es vonseiten der EU zu dem Beschluss heißt. Deutlich würde dies durch Anreden wie »Hoheit« oder »Majestät«. Außerdem hielt sich die Aristokratie mancherorts auch nur so lange, da zum Ruhm bestimmter Menschen immer die Blödsinnigkeit seiner Bewunderer gehöre, wie etwa Nur Jedermann, Europa-Abgeordneter der europäischen Linken, meinte.

Zurückzuführen ist die Existenz, gar der Herrschaftsanspruch des Adels, der sich als edles Geschlecht versteht, unter anderem auf die Abstammung, die Erziehung sowie eine unterstellte göttliche Absicht. Die Vorzüge, Reichtümer und die gesellschaftliche Stellung des Adels wurden über Jahrhunderte meist mit dem Schwert geraubt und gesichert. Dabei waren die Untertanen, solange nicht erfolgreich gegen die Monarchisten rebelliert wurde, ihrem vorgesetzten Herrn zu Gehorsam und Dienstbarkeit verpflichtet.

Jeder ist ein König

Schien die Idee von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit der Französischen Revolution bei einigen Menschen von untertänigster Gesinnung und serviler Ergebenheit bisher nicht angekommen zu sein, so dürfte das neue EU-Gesetz dem Selbstwertgefühl auch der letzten frommen Diener auf die Beine helfen. In der EU ist von nun an jedenfalls jeder sein eigener König und keiner mehr der eines anderen.