Adieu: Der Adelsstand wird abgeschafft

In vielen Teilen Europas wurde der Adelsstand im 19. und 20. Jahrhundert verboten. Nach einem EU-Beschluss wird die Aristokratie nun auch aus Resteuropa verbannt.

Es ist ein Schock für die letzten europäischen Adelshäuser, ihre folgsamen Untertanen und Bewunderer. Nicht nur, dass man den durch Geburt Privilegierten sämtliche materiellen und politischen Vorzüge entzieht, sie werden auch formal zu ganz gewöhnlichen Bürgern. Ein entsprechender Vorschlag zur vollständigen Abschaffung des Adelsstands bekam gegen den Widerstand der Konservativen eine Mehrheit im Europaparlament. Mit dem Schritt möchte man die demokratischen Strukturen in der Europäischen Union, EU, sowie die Werte der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte – »Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren« – stärken.

Adam, Eva und kein Edelmann

Dieses alberne Relikt der Unterdrückung und Ausbeutung, des Raubrittertums und der Enteignung, hätte in einer aufgeklärten und egalitären Gesellschaft nichts verloren, so die beiden fraktionslosen EU-Parlamentarier Heinrich Hinz und Konrad Kunz in Straßburg gegenüber Pressevertretern. Bereits im Vorfeld der Abstimmung fragten sozial-libertäre EU-Abgeordnete auf einem Transparent im Parlament: »Als Adam grub und Eva spann, wo war da der Edelmann?« und kündigten für den Fall einer Abstimmungsniederlage an, mit einem europäischen Volksbegehren dafür sorgen zu wollen, dass künftig jedem EU-Bürger offiziell sämtliche Adelstitel und Namenszusätze zur Auswahl stehen würden. Denn ist jeder sein eigener König, dann brauche sich auch niemand zum König eines anderen aufspielen.

Als Auserwählter müsse man doch schließlich am Namen erkennbar sein. »Zu dieser verantwortungsvollen Aufgabe sei ja nicht jedermann geboren«, kritisierte etwa Karl-Theodor Guttenberg die EU-Entscheidung. Und der bayerische Ex-Kultusminister Hans Maier von der CSU meinte, dass der »Titel königliche Hoheit doch nur ein Gebot schlichter Höflichkeit gegenüber einem Herrscherhaus sei, dem Bayern seine staatliche Form verdankt.«

Einfach abschreiben

Der noch auszuarbeitende Gesetzentwurf der EU soll sich an einem alten Gesetz, dem sogenannten Adelsaufhebungsgesetz aus dem Jahr 1919, einem österreichischen Verfassungsgesetz, nachdem das Führen von Adelszeichen, Prädikaten, adeliger Beinamen und Standesbezeichnungen sowie von Wappennamen, Familienwappen, mit einem Adelsvorzug verbundener und diverser Titel oder Würden per Gesetz aufgehoben wurde, orientieren. Der Gebrauch und die Ausführung der verbotenen Bezeichnungen sind verboten. Gleiches gilt für ausländische Titel. In EU-Staaten, in denen es bisher noch aristokratische Bezeichnungen gab oder Standesunterschiede und Vorzüge bestanden, um etwa als Repräsentant an der Spitze eines Staates zu stehen, gar ein politisches Mitspracherecht, wie in Spanien, den Beneluxstaaten oder in Großbritannien und Skandinavien, wird der gesamte Adelsstand sowie sämtliche Privilegien durch das neue EU-Gesetz aufgehoben und die Weiterführung ebenfalls strafbar.

In vielen europäischen Ländern, besonders in Süd- und Osteuropa oder in Frankreich wurde der Adel durch die Aufklärung und Entwicklung, hin zu Republiken, durch demokratische, sozialistische und kommunistische Veränderungen, schon vor dem Zweiten Weltkrieg abgeschafft. Auch in Russland oder China gibt es keinen selbst ernannten und sogenannten Adel mehr.

»Fürst, Volk und Vaterland«

Grundsätzlich steht die Aristokratie im Widerspruch zur Demokratie, der Herrschaft des Volkes. Auch der Gleichheitsgrundsatz wird durch den Monarchismus verletzt, indem sich die Gruppe des Adels eigenmächtig und von Geburt, durch Titel, bestimmte Ehren, Ämter, Ränge und Stellungen über andere Menschen erhebt und als wertvoller und von besonderer Bedeutung erachtet. Deutlich wurde dies durch Anreden wie »Hoheit« oder »Majestät«.

Zurückzuführen ist die Existenz, gar der Herrschaftsanspruch des Adels, der sich als edles Geschlecht versteht, unter anderem auf die Abstammung, die Erziehung sowie eine unterstellte göttliche Absicht. Die Vorzüge, Reichtümer und die gesellschaftliche Stellung des Adels wurden über Jahrhunderte meist mit dem Schwert geraubt und gesichert. Dabei waren die Untertanen, solange nicht erfolgreich gegen die Monarchisten rebelliert wurde, ihrem vorgesetzten Herrn zu Gehorsam und Dienstbarkeit verpflichtet.

In einigen Ländern war der Adel bis heute eine geschlossene soziale Schicht mit Standesethos und ist, wie Untersuchungen belegten, überdurchschnittlich häufig, meist ohne vom Volk gewählt worden zu sein, in Führungspositionen und hohen Ämtern vertreten. Die Aristokratie konnte sich nach der Studie »Fürst, Volk und Vaterland« des Soziologischen Instituts der renommierten Universität zu Bilderberg mancherorts allerdings nur so lange halten, da »zum Ruhm bestimmter Menschen immer auch die Blödsinnigkeit seiner Bewunderer gehöre«.

Vive la Révolution

Schien die Idee von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit der Französischen Revolution bei einigen Menschen von untertänigster Gesinnung und serviler Ergebenheit nach über 200 Jahren noch nicht angekommen zu sein, so hilft das neue EU-Gesetz nun nach. Und der Vorsitzende des europäischen Adelsverbandes »The Blue Brothers«, Hans-Detlef Müller-Maier-Schmidt, resümiert bei Vöglein: »Jetzt wird in Europa nicht nur die politische Gesinnung rot gefärbt, sondern auch noch mein Blut.« Lediglich in Bayern will sich die CSU dem EU-Beschluss in den Weg stellen, da man »ein Garant gegen eine egalitäre Republik« sein wolle und das Prinzip der Auslese allen zugute käme, während das Prinzip der Gleichheit das Gesamtniveau drücken würde.